Dinge, die ich nie tun würde: Daddeln an der Konsole

Ob das jetzt eine lose Reihe für das Blog wird? Mal schauen… jedenfalls habe ich mit 25 zum ersten Mal ein digitales Spiel gezockt – in den Räumen der taz-Online-Redaktion und das muss doch einfach publik gemacht werden 😉 (Pssst es hat mir sogar Spaß gemacht)

Und da ich ja beschäftigt war mit lenken, springen, verl… ähm gewinnen war, konnte ich selbst nicht schreiben, sondern darf hier Maik Söhlers Text posten:

3 Konsolen, 4 Spiele, 5 Leute. Neue Spiele, alte Spiele, nur Laien am Werk – die taz-Runde „Digital Spielen“ trifft sich zum vierten Mal. Doch diesmal ist alles anders: sieben Leute spielen drei Spiele auf drei Konsolen: „Mario Kart“, „Dishonored. Die Maske des Zorns“ und „Grand Theft Auto IV“ Dabei sind: Jan Scheper, Volontär bei taz.de, Maik Söhler, Chef vom Dienst taz.de, Aletta Lübbers, taz-Anzeigen-Designerin, Julia Niemann, Ressortleiterin taz.de, Julia Amberger, Volontärin bei der taz und Vera Cornette vom Bayerischen Rundfunk.

1. Spiel: „Mario Kart“, Rennspiel, 2008, Klassiker, Wii

Wir wählen in Super Marios Welt den Pilz-Cup aus und fangen langsam an: 50 ccm. Grafikexpertin Aletta Lübbers reißt das Steuer (der Wii-Controller steckt diesmal in einen Plastiklenkrad) an sich und düst los. Proberunde, allerdings nicht nüchtern. „Ich hab erst zwei Bier,“ freut sich Lübbers. Kollegin Julia Amberger übernimmt, ist sehr konzentriert und wird im Spiel zur Rakete. Sie will nochmal. Lübbers konsterniert: „Eigentlich hätte Julia jetzt einen Krankenwagen haben müssen.“ Zumindest muss Amberger jetzt über riesige Fliegenpilze hüpfen: „Pilze – da bleib ich gern hängen“.

Fliegender Fahrerinnenwechsel zur BR-Volontärin Vera Cornette, der das Hüpfen weniger liegt. Abstürze folgen. Tipps werden gefordert. Lübbers stur: „Ich geb keine Tipps, ich will gewinnen!“ Autowechsel. Klare Ansage von Lübbers: „Ich will den schnellsten.“ Allerdings rast sie an den Bonuspunkten vorbei. „Das liegt am Auto. Ich hatte immer nur Mercedes“, schimpft sie. Nach drei Runden hat Lübbers drei Punkte gesammelt.

Amberger muss nachlegen. Sie umkurvt das Feld, führt, fällt dann aber wieder auf Platz 12 zurück. Am Ende reicht es zum sechsten Platz: sechs Punkte. Cornette holt danach wie Lübbers drei Punkte. Alle beschweren sich über die Spielmusik. „Das macht mich richtig aggressiv“, sagt Lübbers. Sie beschließt gemeinsam mit Cornette in den nächsten fünf Jahren am Brandenburger Tor im Ferrari und im Bugatti vorstellig zu werden. Dann komm die schwarz-weiße Flagge.

Das sagt die Zielgruppe: „Ich kann jetzt viel besser einparken.“ (Cornette)

Das sagen die anderen: „Ich habe nur Schuhe von Bugatti.“ (Söhler)

Und den ganzen Artikel gibt’s hier.

Das diskrete Medium

Rrrratsch – erzeugt in der U-Bahn, erntet interessierte bis irritierte Blicke. Interessiert sind die älteren Mediennutzer; ihnen kommt das Geräusch bekannt vor, wenn man einen Artikel aus einer Zeitung oder einem Magazin herausreißt, um ihn aufzubewahren. Irritiert sind die Jüngeren. Das Artikel-Herausreißen heißt in der digitalen Moderne copy and paste. Diese Variante ist weniger brachial, leiser. Aber sie ist keine Handwerkskunst, hat keinen Charme und braucht keine Raffinesse. Anders das freihändische Reißen gerader Linien entlang von Zeitungsspalten.

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In umgekehrter Weise mag ich manches Mal irritierte Blicke ausgesandt haben – beim Anstehen an Ticketautomaten oder vor Kassen. Dann, wenn selbst Beträge von 4,20 Euro mit der EC-Karte abgewickelt werden. Das ist ein wenig sonderbar, denke ich mir oft. Haben diese Leute keine Angst davor noch mehr Spuren in der digitalen Welt zu hinterlassen? Die ganzen Daten sammeln Scoring-Unternehmen und ihre Marketing-Strategen erstellen peinlich präzise Profile meiner mit Bankkarten bezahlenden Mitmenschen. Auf die Frage, ob sie das nicht schere, erhalte ich meist die entspannte Antwort, dass man ein reines Gewissen habe. Außerdem gehe der Einzelne in bester Le-Bon-Manier angesichts der riesigen Datenmenge eh in der Masse auf.

Auf die Risiken und Nebenwirkungen, die der digitale Fußabdruck verursacht, haben nicht nur Feuilletonisten hingewiesen – selbst schon Grundschullehrer sollen ein Gespür für gläserne Konsum-Bürger haben und gelegentlich vor der Vereinnahmung durch Digitaltechnik warnen. Ausdruck desinteressierter, leichtfertiger Konsumentenhaltung ist das sharing und liken via Facebook – muss man doch davon ausgehen, dass dieses Werkzeug der digitalen Akklamation nicht nur inflationär gebraucht, sondern längst von der Werbebranche unterwandert wird. Nach dem Motto ‚gefällt ihr das Fastfood-Ketten-Video, kann ich morgen – nach dem tatsächlichen Verzehr der Produkte – ein Schnupper-Angebot für ein Personal Training in ihrer Nähe versenden‘.

Es empfiehlt sich deshalb, mindestens an einem Tag in der Woche auf persönlichem Weg den Freunden Ge- oder Missfallen auszudrücken und den Like-Button zu schonen,  Zeitung auf Papier sowie Geldnoten zu gebrauchen, die Diskretion und persönliche Freiheit gewähren. Jedenfalls solange kein Twitter-Nutzer ein Bild von mir Überbleibsel der Papier-Ära posted.

Same procedure… wenn das Jahr mit einer Erkältung beginnt

Jeder kann ein Lied davon singen: der Hals kratzt, die Nase läuft, der Kopf schmerzt. Schnell an Hausmittel erinnert oder ins Internet geschaut – aber die Sammlungen dort sind meistens nicht übermäßig kreativ. Ich habe meine Erkältung für einen kleinen ‚wisdom of crowds‘ – Check genutzt, und bei Facebook und Twitter um Erkältungstipps gebeten. Bei Twitter gab’s kaum nennenswerte Hinweise – abgesehen vom NDR-Fernseh-Chefredakteur der mir zu Zitrone, Honig und Musik riet.

Richtig gebrummt dagegend hat’s bei Facebook – und diese Zusammenstellung möchte ich gern zur Verfügung stellen. Vielen Dank an die Tipp-Geber, das war wirklich beeindruckend!

Voilà:

Es war einmal… Das Leben 03 Abwehrsystem Ganze Folge

Ganze Serie hier: http://neanderpeople.npage.de/es-war-einmal.html Heute lernen

  • Kristina Dieckert Kenn ich
  • Jonas Jordan Im Moment hilft mir Tee mit Zitrone und nem Löffel Honig, aber du musst mit dem Honig warten, bis der Tee etwas abgekühlt ist, sonst wirken die Enzyme nicht.
  • Rebecca S. Schmidt Bei Husten: Infrarotlichtlampe, so 15 Minuten, wärmt schön , Salbeitee, gern auch ne Salbe mit ätherischen Ölen, die dann auf die Brust geschmiert wird und Ruhe
  • Vera Cornettii Danke Rebecca S. Schmidt – Tipps, die man nicht an jeder Ecke liest! Ich hoffe, du bist fit und benötigst gerade keine Infrarot-Lampe…
  • Rebecca S. Schmidt Leider hab ich noch bissl an meinem Husten zu knabbern, daher sind die Tpps ganz frisch … Sie haben sehr gut gegen den starken, dollen Husten geholfen, aber dann braucht es noch ein paar Tage Geduld … Sonst geht es mir aber gut
  • Nicole Grotenrath-Broicher von Mama verwöhnen lassen !!!
  • Vera Cornettii Nicole Grotenrath-Broicher, das führt zu gelegentlichen Erstverschlimmerungen… hihi
  • Kathy Petit Chou Chou Zwiebelsaft gegen husten,schmeckt zwar nicht so besonders,aber hilft tatsächlich;-)
  • Caroline Prange Frischer Ingwer und Zitrone in kochendes Wasser und trinken. Knoblauch essen. Inhalieren. Nasendusche. Frische Luft. Fußbad. Rotlicht. Und generell: kein Fleisch essen.
  • Vera Cornettii Kathy Petit Chou Chou, danke für den Tipp – wie gewinnt man diesen Zwiebelsaft? Caroline Prange, warum kein Fleisch? Habe ich noch nie gehört, klingt interessant.
  • Andreas Nohsia Grippostad C
  • Andreas Nohsia Gute Besserung !
  • Kathy Petit Chou Chou Soweit ich mich erinnere muss man die zwiebeln pressen und den Saft mit Honig vermengen,glaub man muss auch einige zwiebeln pressen um die Menge von einem Pinchen zu erreichen,das ganze wird dann minimal erwärmt,ich erinnere mich das früher wenn ich krank war immer eins von den Pinchen in denen der Saft war auf der Heizung stand,denke wärmer sollte es auch nicht sein…
  • Kathy Petit Chou Chou Gegen halsschmerzen sollen auch Quarkauflagen helfen,hab ich aber keine Erfahrungen mit machen können und bei Fieber wadenwickel mit essig oder Zitronensaft verdünnt natürlich;-)
  • Martin P G Sarossy Ein Krug oder Glas warmes Bier und in ein heißes Bad steigen. Über Nacht haste dann alles böse ausgeschwitzt
  • Pia Langmann definitiv frischer Ingwer, zitrone und Minze in kochendes Wasser und brav mindestens einen Tag über trinken bis zum umfallen. spült alle Giftstoffe aus…
  • Sebastian Lauer Salbei- und Kamillentee, auch wenn’s nicht sonderlich doll schmeckt. Vielleicht auch Husten- und Bronchial-Tee – gibt’s in der Apotheke oder bei Rewe. Warm anziehen und auch nachts einen Schal tragen.
    Falls Du Allergien hast. Ich bilde mir tatsächlich auch ein, dass Cetirizin eine normale Erkältung bekämpft – das ist aber wohl rein psychologisch.
    Meine Mutter hat mir außerdem mal so ein kleines Stoffsäckchen genäht und das mit Dinkel befüllt. Das dann z.B. in der Mikrowelle warmmachen und entweder um den Hals legen oder bei Husten eher vorn auf die Bronchien.

    Gute Besserung

  • Caroline Prange Seit dem ich kein Fleisch mehr esse werde ich nicht mehr krank. Vorher war ich ständig krank, hatte Schweinegrippe, Keuchhusten, dauernd Erkältungen. Seit zwei Jahren kein Feisch mehr und seit dem nur eine kleine Erkältung.
  • Julia Amberger Vodka
  • Siri Ka gegen Husten hilft z.B. Thymian oder Zwiebelsaft (Zwiebel hacken und mit Zucker mischen, das Ganze dann etwas stehen lassen und den Saft löffeln).
    Hühnersuppe mit Ingwer und Chillie (für die nicht-Vegetarier)
    Trinken, trinken und noch mal trinken…
    Meditonsin ist auch nicht zu verachten…allerdings nur, wenn es sehr frühzeitig genommen wird
  • Sebastian Lauer Salviathymol gurgeln könnte noch helfen.
  • Vera Cornettii Danke Julia Amberger und Martin P G Sarossy für die hochprozentigen Hinweise; auch an Pia Langmann merci (du auch in München? ) – digas-Gott Sebastian Lauer – dieses Kissen ist exzellent. Habe eines mit Kirschkernen
  • Siri Ka Oh, was bei Husten auch gut hilft ist der Besuch einer Salzgrotte, eines Gradierwerks oder man fährt ans Meer…setzt aber voraus. dass sowas in erreichbarer Nähe ist
  • Sebastian Lauer –> mit ein bisschen Fahrzeit: Watzmann-Therme!!
  • Christian Müller Hühnersuppe, Zwiebelsaft (Zwiebeln kleinschneiden, ordentlich Zucker drüber, stehen lassen und ein paar Stunden später den Saft trinken), viel schlafen.
    Letztendlich behandelst Du jedes Symptom mit Hausmitteln und schläfst soviel es geht. Der Körper macht den Rest. Und die Freundin hilft auch
  • Ly Dia Also mich hat’s gestern auch erwischt… Gliederschmerzen und das volle Programm! Ich hab folgendes eingenommen und mir geht’s heute schon wieder besser: heiße Zitrone und en großer Löffel Honig dazu eine Aspirin +C und Echinacin (pflanzliches Medikament) und dazu warme Socken und ab ins Bett! das mit den Zwiebeln kenn ich auch macht meine Mutter immer bei Husten und so sie schneidet Zwiebeln und macht kandiszucker darüber in ein „Einmach“Glas und Über nacht stehen lassen! Und dann den Saft trinken. Wünsch dir gute Besserung und drück mir deine Mama!!!
  • Vera Cornettii Danke, ihr feinen Menschen!
  • Siri Ka meine Oma hatte immer Wick Vaporub da. Wenn ich erklätet war, hat sie mir das auf Brust und Rücken getan
  • Rebecca S. Schmidt Hab noch was gegen Husten vergessen (vl. wurde es schon erwähnt, dann sorry ): Zwiebel kleinhacken, mit Zucker mischen –> warten bis es Saft ergibt, diesen dann trinken
  • Chris Simon Die „werdwiedergesundsuppe“ deiner Mum dazu Thymian und Salbei als Tee aufgegossen, mit reichlich Honig …. Wärmflasche und Couch/ Bett mit nem guten Buch …. Dann wirst du ganz schnell wieder gesund
  • Chris Simon Achso, ich kann mich da entsinnen, dass mir jemand erzählt hat, dass quarkwickel wahre Wunderwaffen sein sollen …
  • Veronika Streuer wenn die Nase läuft: Nasendusche… ist erst gewöhnungsbedürftig, hilft aber… Und überhaupt im Winter Zink nehmen, das hilft den Abwehrkräften auf die Sprünge…

David Hockney – der mit dem iPad malt

Der britische Maler ist schon 75, seine Kunst ist aber moderner als die vieler junger Kollegen. Den Beweis liefert eine Schau im Kölner Museum Ludwig.

Emails verschicken, Telefonieren, Termine verwalten – dazu benutzen die meisten Menschen ihr Smartphone. Nicht so David Hockney. Sein iPhone dient ihm als elektronisches Skizzenbuch, immer zur Hand und ein ideales Werkzeug, um eine Szene unmittelbar vor Ort zu dokumentieren: „Ich kann schnell bestimmte Entscheidungen treffen und auf jedem beliebigen farbigen Hintergrund malen, zum Beispiel auf einem sehr blassen, transparenten Blau: den Himmel. So etwas kann ich also in zwei Sekunden festhalten, dann in drei Sekunden ein paar blasse Wolken skizzieren“, sagt Hockney in einem Interview mit dem Kunstkritiker Martin Gayford. Das iPhone, wie auch das iPad, mit dem Hockney seit 2010 arbeitet, scheint das Hilfsmittel zu sein, nach dem sich auch die großen englischen Freilichtmaler wie William Turner sehnten. Mit „Brushes“, einer App für Mobilgeräte, kann man sofort auf ein großes Spektrum an Farben und Effekten zugreifen. Tupfen, Linien mit unterschiedlicher Strichstärke oder in pointilistischer Manier – das Malprogramm ermöglicht beinahe alles, ohne dass der Maler darauf warten müsste, dass eine Farbschicht trocknet.

Von der Fähigkeit Hockneys, Natur modern zu malen und den Augenblick präziser denn je zu konservieren, können sich Besucher bis Februar 2013 im Kölner Ludwig Museum überzeugen. Die Formate der Gemälde, von denen manche über vier Meter Höhe und sechs Meter in der Breite messen, geben der Ausstellung ihren Namen: „A bigger picture“. Bis April dieses Jahres waren die monumentalen Landschaftsbilder in der Royal Academy in London zu sehen. Die renommierte Galerie hatte dem 75-Jährigen vor fünf Jahren aus Anlass der Olympischen Spiele angeboten seine Arbeiten zu zeigen. Dabei war das Angebot in gewisser Weise ein Wagnis: Das Gros der ausgestellten Werke entstand erst in den vergangenen fünf Jahren, eigens für die Ausstellung. Allein deshalb mag man die mehr als 150 Bilder umfassende Schau schon nicht als Retrospektive bezeichnen. Und weil der Pop-Art-Maler sich einem Sujet widmet, das vielen zeitgenössischen Künstlern dem Bewusstsein entrückt ist: Landschaft. Seit Hockneys Rückkehr aus Kalifornien in seine Heimat, den Norden Englands, malt er Felder, Wiesen und Wälder. Dabei evoziert er keine Idylle, sondern macht Domestizierung deutlich: Überall sind menschliche Spuren zu sehen, mal ein Verkehrsschild, gefällte Bäume oder ein Mähdrescher. Naturalistisch sind seine Wiedergaben nicht – im Gegenteil: In Hockneys Landschaften fehlen die Schatten, exaltiert sind die Farben, die dem Betrachter entgegen leuchten. Meist führt ein Weg, ein schmaler Pfad in die Natur, in der das Grün grüner ist als in Wirklichkeit. Knallrot, stahlblau und immer wieder Lila verwendet der Maler.

Dabei war es das Azurblau der kalifornischen Swimmingpools, das den dort ab 1960 lebenden Hockney unverkennbar machte. Die Pools, Beach-Boys, manikürten Rasenflächen von einst mussten weichen, den Maler umgab eine Sehnsucht nach dem Wechsel der Jahreszeiten: „Auch in Südkalifornien gibt es natürlich den Frühling, aber er geht dort nicht mit solchen Veränderungen einher wie in Nordeuropa. Ein unaufmerksamer Beobachter könnte ihn glatt verpassen“, schickt Hockney seiner 70 Bildern umfassenden Arbeit „Die Ankunft des Frühling in Woldgate“ voran. Vom 1. Januar bis 2. Juni stellt der Maler in nahezu täglicher Folge die Veränderung des Lichts, des Wachsens der Pflanzen bis zum allmählichen Aufbrechen der Knospen dar. Die Serie, gemalt mit dem iPad und im Format 67,3 x 50,2 cm gedruckt, dürfte größten Eindruck beim Betrachter hinterlassen. Die Sensibilität, mit der Hockney das eigentlich Banale zu zeigen weiß, ist betörend. Anzuführen ist beispielhaft die Zeit Anfang Mai, die der Künstler „Action Week“ nennt. Dann, wenn der Wiesenkerbel innerhalb weniger Tage in die Höhe schießt und weiß zu blühen beginnt. Hockneys Gabe, das Gesehene und jede kleine Veränderung sofort auf die künstlerische Form zu reduzieren, kommt den iPad-Zeichnungen zweifelsohne zugute. Doch sollte der Betrachter die Begleitumstände des künstlerischen Schaffens unbedingt beachten, da Hockneys Spätwerk sonst vorschnell als Hobbymalerei abgetan werden könnte. In der Ausstellung wird der Schaffensprozess mittels eines Films illustriert: Neun Kameras ließ der Künstler an einen Jeep anbringen, sein Assistent fuhr langsam über Waldwege, während andere Mitarbeiter auf Zuruf die Blendeneinstellungen der Kameras justierten. Wer Gräser, Wildblumen und jeden Luftstoß derart aufwendig filmt, beweist einen beispiellosen Anspruch an sich selbst, sein Schaffen und seine Wahrnehmungsgabe.

Wer in den Werken des fast tauben Künstlers den roten Faden sucht, findet ihn wohl am ehesten in seiner bemerkenswerten Aufgeschlossenheit Neuen Medien gegenüber. Er stellt gegenwärtig in „A bigger picture“ Ölgemälden und Kohlezeichnungen neben Drucke von iPad-Entwürfen und Videoinstallationen, ohne dies als direkten Kontrast zu markieren. In den 90er Jahren experimentierte Hockney mit Farbkopierern und Faxgeräte, in den Jahrzehnten davor widmete er sich intensiv der Fotografie.
Welcher Technik, welchem Motiv sich der von Picasso und van Gogh gleichermaßen inspirierte Künstler annimmt, er macht es exzessiv. Wenn Hockney beim ersten Sonnenlicht malen möchte, scheut er nicht, um vier Uhr früh draußen unterwegs zu sein.
Mit David Hockney ist nicht nur, wie eine Umfrage unter britischen Kunstschaffenden kürzlich ergab, der einflussreichste britische Maler der Gegenwart in seine Heimat zurückgekommen. Sichtbar wird ein neuer Typus des digitalen Landschaftmalers, beseelt mit einer Hingabe für Natur wie sie wohl zuletzt Monet in seinem Garten in Giverny an den Tag legte.

Direkt zum Musem geht’s hier

Mehr dazu: Aachener Zeitung vom 26. Oktober 2012 oder Leipziger Volkszeitung ebenfalls vom 26. Oktober.

Durch die Schleuse Richtung Studium

Reportage über eine Bundesfreiwilligendienstleistende

 

Sie ächzt, sie keucht, sie schwitzt: Amira Chadid ist spät dran. „Wieder mal“, murmelt sie mit rauer Morgenstimme. So wie man um 6.06 Uhr klingt, wenn man eigentlich vor sechs Minuten Dienstbeginn hatte. Die 19-Jährige kettet ihr Rad an einen Fahrradständer vor dem Universitätsklinikum Leipzig und hechtet gen Aufzug. Es geht in den 13. Stock. Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie. Hier werden Knochenmarktransplantationen durchgeführt, Krebspatienten bekommen nach der Krebsbehandlung gesunde Stammzellen von Spendern.

Bevor Amira ihren Arbeitsplatz erreicht, muss sie durch eine Schleuse. „Das ist notwendig, damit die Station möglichst keimfrei bleibt. Das Immunsystem der Patienten ist sehr anfällig für Krankheiten“, sagt sie, während sie ihre Jeans auszieht, die Turnschuhe Marke Chucks in einen Spint räumt. Die Halogenröhren sind nicht bemüht die dunklen Schatten unter Amiras Augen zu kaschieren, im Gegenteil. Das frühe Aufstehen störe sie schon etwas am Bundesfreiwilligendienst. „Doch es diszipliniert mich unheimlich und ist bestimmt nicht die schlechteste Vorbereitung auf das Berufsleben.“ Amira möchte Medizin studieren. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was es bedeutet in einem Krankenhaus beschäftigt zu sein, Patienten zu versorgen, leistet sie seit Oktober vergangenen Jahres Bundesfreiwilligendienst.

Ihren Pulli knüllt sie oben in den Spint, greift sich eine grüne Hose und einen Kittel aus dem Fach mit der Konfektionsgröße 36. Ehe sich der scharfe Geruch des Desinfektionsmittel so richtig in der Nase festsetzen kann, verlassen wir die Schleuse. Die Kleidung unterscheidet sie nicht von den anderen Pflegekräften. Aber können die Helfertätigkeiten, wie Essen zubereiten, Blutdruckmessen und Botengänge wirklich unterstützend bei der Berufswahl sein? In Plastikclogs schlurft Amira in die Küche. Auf Plauderei verzichtend bereitet sie mit einer Krankenschwester Frühstückstabletts vor. „Damit Krankheitserreger nicht die Patienten gefährden, muss alles, was sie trinken oder essen auf 120 Grad in der Mikrowelle erhitzt werden. Egal, ob die Scheibe Brot oder die Tasse Tee am Nachmittag. Die Frage, nach der Sinnhaftigkeit ihres Bundesfreiwilligendienstes, schwebt noch im Raum. „Zu Verstehen, wie die Stationsabläufe funktionieren, wie man mit schwerkranken Menschen umgehen muss, wie man sich Angehörigen nähert, das ist alles wertvoll für meinen späteren Job“, sagt Amira. Sie bestückt den Essenswagen mit den Tablettes und fügt hinzu, dass sie in den neun Monaten im Klinikum testen könne, wie sie mit den Bedingungen im medizinischen Bereich – vom Schichtdienst bis zum Sterben – zurechtkomme.  Als diese Art ‚Selbsttest‘ versteht auch Ursula Assmann den Bundesfreiwilligendienst. Sie arbeitet im Pflegemanagement des Universitätsklinikum Leipzig und sieht nicht die Gefahr des Karriereknick: „Ich erlebe immer wieder, dass unsere Freiwilligen den Dienst als eine bewusste Vorbereitung auf ein Studium oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen nutzen.“ Jene, die sie für geeignet hält, unterstützt sie auch auf dem Weg zum Beruf.

Um kurz nach acht ist Amira mit dem Frühstückverteilen fertig. Sie wirkt wie ausgewechselt, als hätte sie eine Lampe angeknipst, sie lächelt, sie strahlt. Sie mag den Kontakt zu den Patienten. „Eine Frau erzählt mir öfters von ihrer Jugend. Sie ist viel gereist und ich mag es, ihre Geschichtchen zu hören“, sagt Amira. Sie betritt den schmalen Aufenthaltsraum für das Personal gegenüber der Küche. Besonders mit ihrem Vater hat sie viel über den Freiwilligendienst geredet. Er ist Kardiologe, betreibt eine Praxis auf Mallorca. Dort hat auch Amira die vergangenen drei Jahre gelebt und auf einer englischen Schule ihr Abitur gemacht, oder um genau zu sein: ihr General Certificate of Education Adavanced Level. Ihr Vater hätte es vorgezogen, dass sie direkt mit dem Studium beginne, doch das ging nicht ohne Weiteres: „Ich kann damit zwar in Deutschland studieren, aber ich habe im Juli 2011 den Abschluss gemacht und so schnell waren die deutschen Behörden nicht bei der Umrechnung meiner A-Level- Note, deshalb konnte ich mich nicht für Studiengänge zum letzten Wintersemester bewerben“, erklärt sie. Schließlich habe ihr Vater eingesehen, dass der Freiwilligendienst kein stupides Nichtstun sei, sondern seiner Tochter und der Gesellschaft etwas bringe. Nach der Abschaffung des Zivildienstes haben die – meist jungen Männer – gefehlt. „Als Bufdi habe ich das gute Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Amira.

Ihre Freundin Elena, 20 Jahre alt, hat da ganz andere Gründe. Sie hat 2010 in Ulm Abitur gemacht und danach keinen Studienplatz bekommen. „Ich wollte Sonderpädagogik studieren. Das wird nicht an so vielen Unis angeboten und noch dazu liegt der NC in Würzburg bei 2,0 und in Dortmund gar bei 1,4.“ Sie sei nach den Absagen der Unis ein paar Monate in Neuseeland und Australien gewesen und habe bei Rewe an der Kasse gejobbt. „Die Begeisterung meiner Eltern hielt sich in Grenzen und ein Studienberater in Würzburg machte mich auf die Bufdi-Möglichkeit aufmerksam.“ Elena fand zum September eine Stelle an einer Ulmer Körperbehindertenschule. „Jetzt während des Bundesfreiwilligendienstes versuche ich noch mal die Bewerbung für die Studiengänge – mit den Wartesemestern auf dem Buckel müsste das eigentlich klappen“, ist die zuversichtlich.

Indes bringt Amira einige Proben und Akten ins Labor. Die Treppen nimmt sie locker und entspannt. Es reicht ihr einmal am Morgen richtig ins Schwitzen zu kommen.

‚Die Thomaner‘ – Zeit-Interview mit den Leipziger Regisseuren

Den 800. Geburtstag feiert der honorige Thomaner Chor in diesem Jahr. Eine Leipziger Institution – nicht zuletzt, seit Johann Sebastian Bach als Thomas-Kantor dem Knaben-Chor Format gab.

Die Leipziger Regisseure Paul Smaczny und Günter Atteln haben die Jungen ein Jahr lang begleitet. Ich habe die beiden interviewt DIE ZEIT No 6 oder online.

Ina Müller singt und sabbelt in der Arena Leipzig

Text siehe auch Leipziger Volkszeitung 9.1.2012

So indiskret sein und dabei so gut beim Publikum ankommen, das beherrscht Ina Müller perfekt. Just auf die Bühne der am Samstagabend ausverkaufen Arena
gekommen, das erste Lied gesungen, hat sie die schon wieder verlassen, um einen Schnack mit dem Publikum zu halten. Smalltalk ist das nicht, wenn sie mit
Hamburger Akzent fragt: „Und, Peter, wie ist eure Ehe? Schon mal fremdgegangen?“ Dass Peters Ehefrau daneben sitzt, stört sie nicht. Wenn Ina Müller lacht –
charmant, entwaffnend, sind wohl die meisten Zuschauer gewillt, ihr jede neugierige Frage nachzusehen. Trotz aller kabarettistischen Einlage steht ihre Musik im Mittelpunkt.
Sie hat eine angenehme Mischung aus Balladen und rockigen Songs im Repertoire und weiß ihre Stimme zwischen rauchig-rau und seidig-anschmiegsam einzusetzen.
Bei ihrem ersten Album „Weiblich, ledig 40“ hat sie wissen lassen, wo sie sich sieht: Zwischen Kuscheltuch und Rheumadecke, zwischen ersten Küssen und andauernd Blutdruckmessen müssen.

Mit ihrer nun vierten CD „Das wäre dein Lied gewesen“ vermittelt Ina Müller, was man aktiv älter werden nennen könnte. Mit 46 weiß sie, was sie will. Sie singt schwärmend
von den Jungs mit Mitte 20. Die, mit der weichen Haut, süß, nicht reich, aber schön anzuschauen, wenn sie Duschen gehen. „Die gehen duschen, obwohl
sie gar nicht müssten, nicht wie die älteren Männer…“ – während sie das sagt, stößt so manche Frau im Publikum ihren Mann mehr oder weniger fest in die
Seite. In „Podkarsten“ nimmt die Künstlerin mit gesellschaftskritischem Anstrich Facebook, youtube & Co. aufs Korn. Ihre plattdeutschen Songs sind nicht gänzlich
verständlich, aber auch die rocken dank hervorragender Musiker. Singen und sabbeln – was im Ina-Müller-Slang so viel wie plaudern heißt – darüber, was Sache ist. Liebe, Sex, und immer wieder Älterwerden.
Es ist zum Brüllen komisch, dass sie sich von einem Kollegen ungalant auf den Flügeln schieben lässt. Wenn es nicht ums Älterwerden geht, dann gern um Mann-Frau Klischees.
Zunächst schlägt sie sich auf die Seite der Frauen: „Wir sabbeln zu viel? Frauen müssen immer alles wiederholen, weil Männer nicht richtig zuhören.“ Andererseits macht sie sich mit den Männern
gemein. Sie singt, dass sie nervös wird, wenn sie von einer weiblichen Pilotin von A nach B geflogen werden soll, gibt unumwunden zu: „Gleichberechtigung – schön und gut. Aber doch nicht
jetzt und hier“. Es vergeht kaum Zeit, und sie teilt wieder gegen die Männer aus. Dabei ist sie zuweilen ganz schön derb, möglicherweise für manche Geschmäcker eine Spur zu schlüpfrig.
Aber so ist sie – nicht nur im Fernsehen. Die Musik-Kabarettistin versprüht Energie pur, und das Publikum nimmt sie auf. Als sie mit ihren Sängerinnen „Oh Happy Day“ und schließlich „Let
Me Entertain You“ anstimmt, bleibt niemand regungslos. Man singt, klatscht, tanzt. Im Hintergrund Video- und Bildeinspielungen – die Zuschauer scheinen sich ihr gern zu ergeben. Und bekommen
viel geboten: Die Zugabe gibt Frau Müller im weißen Bademantel, fegt durchs Publikum und bekommt nicht nur dafür stürmischen Applaus, dass sie doch noch aus eigener Kraft auf den Flügel hüpft.