Quelle-Gelände in Nürnberg: Umwidmung versus Abriss

Nürnberg, eine alte, stolze Reichsstadt – eines der bedeutendsten kulturellen Zentren der Renaissance, unrühmliche Rolle während Nazi-Deutschland, nach dem Zweiten Weltkrieg eines der Symbole für den deutschen Wiederaufbau. Und nun? Ein Riesengeschacher um einen kulturhistorischen Ort: das Gelände des Logistikkonzerns Quelle. Es ist das nach Berlin-Tempelhof zweitgrößte leerstehende Gebäude Deutschlands. Nur weiß niemand so richtig, was aus dem Ensemble werden soll.

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Zum ersten Mal mit einem Oktokopter, also einem Hubschrauber mit Kamera gedreht. Tolle Mega-Totalen vom Gebäude!

Für das BR-Kulturmagazin Capriccio habe ich die Diskussion um den – denkmalgeschützten – Bau dargestellt, die architektonischen Besonderheiten erklärt. Nach einer intensiven Recherche, Ortsbegehungen und unzähligen Gesprächen mit Bürgern, Politikern, Insolvenzverwaltern, Architekten, Feuerwehrleuten, dem Facility Manager… steht (für mich) fest: Die Quelle soll, kann, muss bleiben.

Die Quelle, sprich das Logistikzentrum in Nürnberg, 38 Fußballfelder oder 250.000 Quadratmeter groß, ist die Kathedrale der Konsumkultur. Das hier, das war die BRD. Der Quelle-Katalog war die Konsum-Bibel, Gustav Schickedanz ein Wunscherfüller in Ost und West. Ob für elektrische Zahnbürsten, Staubsauger, Gartenzäune oder Strampelanzüge. Quasi ein historisches Amazaon (warum die Quelle pleite ging).

2009 war Schluss, Insolvenz, Stillstand – hier, wo früher 100.000 Pakete verschickt, wo Milliarden an Umsatz erwirtschaftet wurden. Nach der Unternehmenspleite wurde alles verscherbelt: Telefone, Schreibtische und -stühle, Computer. In den 180 Meter langen Hallen hängen nur noch Uhren im Bahnhofsstil und die Beleuchtung. Das Gebäude mit den lederfarbenen Klinkern baute ab den 1950er Jahren Ernst Neufert. Er ist einer der einflussreichsten Industriearchitekten des 20. Jahrhunderts und hat die perfekte Hülle für das einst modernste Versandhaus der Welt geschaffen. Ein architektonisches Meisterwerk, gestalterisch wertvoll.
Und jetzt: Abriss! Markus Söder, bayerischer Finanz- und Heimatminister, gefällt das „Mausoleum“, wie er den Bau nennt, nicht. Umwidmung? Weiternutzung? Dazu fehlt ihm entweder Wille, Phanatsie – oder beides.

BildDas Fluggerät kann über 200 Meter hochsteigen.

„Bei Kirchen sind wir uns ja hoffentlich auch einig, dass die erhalten bleiben. Und dieses Quelle-Gebäude ist so besonders, dass vielleicht in 500 Jahren Leute aus aller Welt kommen, um die Quelle zu besichtigen“, meint Angelika Nollert, Leiterin des Neuen Museums in Nürnberg. Dort wird noch bis Ende Januar Ernst Neufert und sein Schaffen in einer Ausstellung gefeiert (Neues Museum Nürnberg).

Was also anstellen mit der Quelle? Universitätseinrichtungen? Einkaufszentrum? Wohnungen? Ansätze, Reflexionen, Meinungen – am 9. Januar, im Bayerischen Fernsehen – 22 Uhr (und auch in der Mediathek).

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