Das diskrete Medium

Rrrratsch – erzeugt in der U-Bahn, erntet interessierte bis irritierte Blicke. Interessiert sind die älteren Mediennutzer; ihnen kommt das Geräusch bekannt vor, wenn man einen Artikel aus einer Zeitung oder einem Magazin herausreißt, um ihn aufzubewahren. Irritiert sind die Jüngeren. Das Artikel-Herausreißen heißt in der digitalen Moderne copy and paste. Diese Variante ist weniger brachial, leiser. Aber sie ist keine Handwerkskunst, hat keinen Charme und braucht keine Raffinesse. Anders das freihändische Reißen gerader Linien entlang von Zeitungsspalten.

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In umgekehrter Weise mag ich manches Mal irritierte Blicke ausgesandt haben – beim Anstehen an Ticketautomaten oder vor Kassen. Dann, wenn selbst Beträge von 4,20 Euro mit der EC-Karte abgewickelt werden. Das ist ein wenig sonderbar, denke ich mir oft. Haben diese Leute keine Angst davor noch mehr Spuren in der digitalen Welt zu hinterlassen? Die ganzen Daten sammeln Scoring-Unternehmen und ihre Marketing-Strategen erstellen peinlich präzise Profile meiner mit Bankkarten bezahlenden Mitmenschen. Auf die Frage, ob sie das nicht schere, erhalte ich meist die entspannte Antwort, dass man ein reines Gewissen habe. Außerdem gehe der Einzelne in bester Le-Bon-Manier angesichts der riesigen Datenmenge eh in der Masse auf.

Auf die Risiken und Nebenwirkungen, die der digitale Fußabdruck verursacht, haben nicht nur Feuilletonisten hingewiesen – selbst schon Grundschullehrer sollen ein Gespür für gläserne Konsum-Bürger haben und gelegentlich vor der Vereinnahmung durch Digitaltechnik warnen. Ausdruck desinteressierter, leichtfertiger Konsumentenhaltung ist das sharing und liken via Facebook – muss man doch davon ausgehen, dass dieses Werkzeug der digitalen Akklamation nicht nur inflationär gebraucht, sondern längst von der Werbebranche unterwandert wird. Nach dem Motto ‚gefällt ihr das Fastfood-Ketten-Video, kann ich morgen – nach dem tatsächlichen Verzehr der Produkte – ein Schnupper-Angebot für ein Personal Training in ihrer Nähe versenden‘.

Es empfiehlt sich deshalb, mindestens an einem Tag in der Woche auf persönlichem Weg den Freunden Ge- oder Missfallen auszudrücken und den Like-Button zu schonen,  Zeitung auf Papier sowie Geldnoten zu gebrauchen, die Diskretion und persönliche Freiheit gewähren. Jedenfalls solange kein Twitter-Nutzer ein Bild von mir Überbleibsel der Papier-Ära posted.