David Hockney – der mit dem iPad malt

Der britische Maler ist schon 75, seine Kunst ist aber moderner als die vieler junger Kollegen. Den Beweis liefert eine Schau im Kölner Museum Ludwig.

Emails verschicken, Telefonieren, Termine verwalten – dazu benutzen die meisten Menschen ihr Smartphone. Nicht so David Hockney. Sein iPhone dient ihm als elektronisches Skizzenbuch, immer zur Hand und ein ideales Werkzeug, um eine Szene unmittelbar vor Ort zu dokumentieren: „Ich kann schnell bestimmte Entscheidungen treffen und auf jedem beliebigen farbigen Hintergrund malen, zum Beispiel auf einem sehr blassen, transparenten Blau: den Himmel. So etwas kann ich also in zwei Sekunden festhalten, dann in drei Sekunden ein paar blasse Wolken skizzieren“, sagt Hockney in einem Interview mit dem Kunstkritiker Martin Gayford. Das iPhone, wie auch das iPad, mit dem Hockney seit 2010 arbeitet, scheint das Hilfsmittel zu sein, nach dem sich auch die großen englischen Freilichtmaler wie William Turner sehnten. Mit „Brushes“, einer App für Mobilgeräte, kann man sofort auf ein großes Spektrum an Farben und Effekten zugreifen. Tupfen, Linien mit unterschiedlicher Strichstärke oder in pointilistischer Manier – das Malprogramm ermöglicht beinahe alles, ohne dass der Maler darauf warten müsste, dass eine Farbschicht trocknet.

Von der Fähigkeit Hockneys, Natur modern zu malen und den Augenblick präziser denn je zu konservieren, können sich Besucher bis Februar 2013 im Kölner Ludwig Museum überzeugen. Die Formate der Gemälde, von denen manche über vier Meter Höhe und sechs Meter in der Breite messen, geben der Ausstellung ihren Namen: „A bigger picture“. Bis April dieses Jahres waren die monumentalen Landschaftsbilder in der Royal Academy in London zu sehen. Die renommierte Galerie hatte dem 75-Jährigen vor fünf Jahren aus Anlass der Olympischen Spiele angeboten seine Arbeiten zu zeigen. Dabei war das Angebot in gewisser Weise ein Wagnis: Das Gros der ausgestellten Werke entstand erst in den vergangenen fünf Jahren, eigens für die Ausstellung. Allein deshalb mag man die mehr als 150 Bilder umfassende Schau schon nicht als Retrospektive bezeichnen. Und weil der Pop-Art-Maler sich einem Sujet widmet, das vielen zeitgenössischen Künstlern dem Bewusstsein entrückt ist: Landschaft. Seit Hockneys Rückkehr aus Kalifornien in seine Heimat, den Norden Englands, malt er Felder, Wiesen und Wälder. Dabei evoziert er keine Idylle, sondern macht Domestizierung deutlich: Überall sind menschliche Spuren zu sehen, mal ein Verkehrsschild, gefällte Bäume oder ein Mähdrescher. Naturalistisch sind seine Wiedergaben nicht – im Gegenteil: In Hockneys Landschaften fehlen die Schatten, exaltiert sind die Farben, die dem Betrachter entgegen leuchten. Meist führt ein Weg, ein schmaler Pfad in die Natur, in der das Grün grüner ist als in Wirklichkeit. Knallrot, stahlblau und immer wieder Lila verwendet der Maler.

Dabei war es das Azurblau der kalifornischen Swimmingpools, das den dort ab 1960 lebenden Hockney unverkennbar machte. Die Pools, Beach-Boys, manikürten Rasenflächen von einst mussten weichen, den Maler umgab eine Sehnsucht nach dem Wechsel der Jahreszeiten: „Auch in Südkalifornien gibt es natürlich den Frühling, aber er geht dort nicht mit solchen Veränderungen einher wie in Nordeuropa. Ein unaufmerksamer Beobachter könnte ihn glatt verpassen“, schickt Hockney seiner 70 Bildern umfassenden Arbeit „Die Ankunft des Frühling in Woldgate“ voran. Vom 1. Januar bis 2. Juni stellt der Maler in nahezu täglicher Folge die Veränderung des Lichts, des Wachsens der Pflanzen bis zum allmählichen Aufbrechen der Knospen dar. Die Serie, gemalt mit dem iPad und im Format 67,3 x 50,2 cm gedruckt, dürfte größten Eindruck beim Betrachter hinterlassen. Die Sensibilität, mit der Hockney das eigentlich Banale zu zeigen weiß, ist betörend. Anzuführen ist beispielhaft die Zeit Anfang Mai, die der Künstler „Action Week“ nennt. Dann, wenn der Wiesenkerbel innerhalb weniger Tage in die Höhe schießt und weiß zu blühen beginnt. Hockneys Gabe, das Gesehene und jede kleine Veränderung sofort auf die künstlerische Form zu reduzieren, kommt den iPad-Zeichnungen zweifelsohne zugute. Doch sollte der Betrachter die Begleitumstände des künstlerischen Schaffens unbedingt beachten, da Hockneys Spätwerk sonst vorschnell als Hobbymalerei abgetan werden könnte. In der Ausstellung wird der Schaffensprozess mittels eines Films illustriert: Neun Kameras ließ der Künstler an einen Jeep anbringen, sein Assistent fuhr langsam über Waldwege, während andere Mitarbeiter auf Zuruf die Blendeneinstellungen der Kameras justierten. Wer Gräser, Wildblumen und jeden Luftstoß derart aufwendig filmt, beweist einen beispiellosen Anspruch an sich selbst, sein Schaffen und seine Wahrnehmungsgabe.

Wer in den Werken des fast tauben Künstlers den roten Faden sucht, findet ihn wohl am ehesten in seiner bemerkenswerten Aufgeschlossenheit Neuen Medien gegenüber. Er stellt gegenwärtig in „A bigger picture“ Ölgemälden und Kohlezeichnungen neben Drucke von iPad-Entwürfen und Videoinstallationen, ohne dies als direkten Kontrast zu markieren. In den 90er Jahren experimentierte Hockney mit Farbkopierern und Faxgeräte, in den Jahrzehnten davor widmete er sich intensiv der Fotografie.
Welcher Technik, welchem Motiv sich der von Picasso und van Gogh gleichermaßen inspirierte Künstler annimmt, er macht es exzessiv. Wenn Hockney beim ersten Sonnenlicht malen möchte, scheut er nicht, um vier Uhr früh draußen unterwegs zu sein.
Mit David Hockney ist nicht nur, wie eine Umfrage unter britischen Kunstschaffenden kürzlich ergab, der einflussreichste britische Maler der Gegenwart in seine Heimat zurückgekommen. Sichtbar wird ein neuer Typus des digitalen Landschaftmalers, beseelt mit einer Hingabe für Natur wie sie wohl zuletzt Monet in seinem Garten in Giverny an den Tag legte.

Direkt zum Musem geht’s hier

Mehr dazu: Aachener Zeitung vom 26. Oktober 2012 oder Leipziger Volkszeitung ebenfalls vom 26. Oktober.

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