Durch die Schleuse Richtung Studium

Reportage über eine Bundesfreiwilligendienstleistende

 

Sie ächzt, sie keucht, sie schwitzt: Amira Chadid ist spät dran. „Wieder mal“, murmelt sie mit rauer Morgenstimme. So wie man um 6.06 Uhr klingt, wenn man eigentlich vor sechs Minuten Dienstbeginn hatte. Die 19-Jährige kettet ihr Rad an einen Fahrradständer vor dem Universitätsklinikum Leipzig und hechtet gen Aufzug. Es geht in den 13. Stock. Abteilung für Hämatologie und Internistische Onkologie. Hier werden Knochenmarktransplantationen durchgeführt, Krebspatienten bekommen nach der Krebsbehandlung gesunde Stammzellen von Spendern.

Bevor Amira ihren Arbeitsplatz erreicht, muss sie durch eine Schleuse. „Das ist notwendig, damit die Station möglichst keimfrei bleibt. Das Immunsystem der Patienten ist sehr anfällig für Krankheiten“, sagt sie, während sie ihre Jeans auszieht, die Turnschuhe Marke Chucks in einen Spint räumt. Die Halogenröhren sind nicht bemüht die dunklen Schatten unter Amiras Augen zu kaschieren, im Gegenteil. Das frühe Aufstehen störe sie schon etwas am Bundesfreiwilligendienst. „Doch es diszipliniert mich unheimlich und ist bestimmt nicht die schlechteste Vorbereitung auf das Berufsleben.“ Amira möchte Medizin studieren. Um eine Vorstellung davon zu bekommen, was es bedeutet in einem Krankenhaus beschäftigt zu sein, Patienten zu versorgen, leistet sie seit Oktober vergangenen Jahres Bundesfreiwilligendienst.

Ihren Pulli knüllt sie oben in den Spint, greift sich eine grüne Hose und einen Kittel aus dem Fach mit der Konfektionsgröße 36. Ehe sich der scharfe Geruch des Desinfektionsmittel so richtig in der Nase festsetzen kann, verlassen wir die Schleuse. Die Kleidung unterscheidet sie nicht von den anderen Pflegekräften. Aber können die Helfertätigkeiten, wie Essen zubereiten, Blutdruckmessen und Botengänge wirklich unterstützend bei der Berufswahl sein? In Plastikclogs schlurft Amira in die Küche. Auf Plauderei verzichtend bereitet sie mit einer Krankenschwester Frühstückstabletts vor. „Damit Krankheitserreger nicht die Patienten gefährden, muss alles, was sie trinken oder essen auf 120 Grad in der Mikrowelle erhitzt werden. Egal, ob die Scheibe Brot oder die Tasse Tee am Nachmittag. Die Frage, nach der Sinnhaftigkeit ihres Bundesfreiwilligendienstes, schwebt noch im Raum. „Zu Verstehen, wie die Stationsabläufe funktionieren, wie man mit schwerkranken Menschen umgehen muss, wie man sich Angehörigen nähert, das ist alles wertvoll für meinen späteren Job“, sagt Amira. Sie bestückt den Essenswagen mit den Tablettes und fügt hinzu, dass sie in den neun Monaten im Klinikum testen könne, wie sie mit den Bedingungen im medizinischen Bereich – vom Schichtdienst bis zum Sterben – zurechtkomme.  Als diese Art ‚Selbsttest‘ versteht auch Ursula Assmann den Bundesfreiwilligendienst. Sie arbeitet im Pflegemanagement des Universitätsklinikum Leipzig und sieht nicht die Gefahr des Karriereknick: „Ich erlebe immer wieder, dass unsere Freiwilligen den Dienst als eine bewusste Vorbereitung auf ein Studium oder eine Ausbildung im Gesundheitswesen nutzen.“ Jene, die sie für geeignet hält, unterstützt sie auch auf dem Weg zum Beruf.

Um kurz nach acht ist Amira mit dem Frühstückverteilen fertig. Sie wirkt wie ausgewechselt, als hätte sie eine Lampe angeknipst, sie lächelt, sie strahlt. Sie mag den Kontakt zu den Patienten. „Eine Frau erzählt mir öfters von ihrer Jugend. Sie ist viel gereist und ich mag es, ihre Geschichtchen zu hören“, sagt Amira. Sie betritt den schmalen Aufenthaltsraum für das Personal gegenüber der Küche. Besonders mit ihrem Vater hat sie viel über den Freiwilligendienst geredet. Er ist Kardiologe, betreibt eine Praxis auf Mallorca. Dort hat auch Amira die vergangenen drei Jahre gelebt und auf einer englischen Schule ihr Abitur gemacht, oder um genau zu sein: ihr General Certificate of Education Adavanced Level. Ihr Vater hätte es vorgezogen, dass sie direkt mit dem Studium beginne, doch das ging nicht ohne Weiteres: „Ich kann damit zwar in Deutschland studieren, aber ich habe im Juli 2011 den Abschluss gemacht und so schnell waren die deutschen Behörden nicht bei der Umrechnung meiner A-Level- Note, deshalb konnte ich mich nicht für Studiengänge zum letzten Wintersemester bewerben“, erklärt sie. Schließlich habe ihr Vater eingesehen, dass der Freiwilligendienst kein stupides Nichtstun sei, sondern seiner Tochter und der Gesellschaft etwas bringe. Nach der Abschaffung des Zivildienstes haben die – meist jungen Männer – gefehlt. „Als Bufdi habe ich das gute Gefühl, gebraucht zu werden“, sagt Amira.

Ihre Freundin Elena, 20 Jahre alt, hat da ganz andere Gründe. Sie hat 2010 in Ulm Abitur gemacht und danach keinen Studienplatz bekommen. „Ich wollte Sonderpädagogik studieren. Das wird nicht an so vielen Unis angeboten und noch dazu liegt der NC in Würzburg bei 2,0 und in Dortmund gar bei 1,4.“ Sie sei nach den Absagen der Unis ein paar Monate in Neuseeland und Australien gewesen und habe bei Rewe an der Kasse gejobbt. „Die Begeisterung meiner Eltern hielt sich in Grenzen und ein Studienberater in Würzburg machte mich auf die Bufdi-Möglichkeit aufmerksam.“ Elena fand zum September eine Stelle an einer Ulmer Körperbehindertenschule. „Jetzt während des Bundesfreiwilligendienstes versuche ich noch mal die Bewerbung für die Studiengänge – mit den Wartesemestern auf dem Buckel müsste das eigentlich klappen“, ist die zuversichtlich.

Indes bringt Amira einige Proben und Akten ins Labor. Die Treppen nimmt sie locker und entspannt. Es reicht ihr einmal am Morgen richtig ins Schwitzen zu kommen.

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