Ina Müller singt und sabbelt in der Arena Leipzig

Text siehe auch Leipziger Volkszeitung 9.1.2012

So indiskret sein und dabei so gut beim Publikum ankommen, das beherrscht Ina Müller perfekt. Just auf die Bühne der am Samstagabend ausverkaufen Arena
gekommen, das erste Lied gesungen, hat sie die schon wieder verlassen, um einen Schnack mit dem Publikum zu halten. Smalltalk ist das nicht, wenn sie mit
Hamburger Akzent fragt: „Und, Peter, wie ist eure Ehe? Schon mal fremdgegangen?“ Dass Peters Ehefrau daneben sitzt, stört sie nicht. Wenn Ina Müller lacht –
charmant, entwaffnend, sind wohl die meisten Zuschauer gewillt, ihr jede neugierige Frage nachzusehen. Trotz aller kabarettistischen Einlage steht ihre Musik im Mittelpunkt.
Sie hat eine angenehme Mischung aus Balladen und rockigen Songs im Repertoire und weiß ihre Stimme zwischen rauchig-rau und seidig-anschmiegsam einzusetzen.
Bei ihrem ersten Album „Weiblich, ledig 40“ hat sie wissen lassen, wo sie sich sieht: Zwischen Kuscheltuch und Rheumadecke, zwischen ersten Küssen und andauernd Blutdruckmessen müssen.

Mit ihrer nun vierten CD „Das wäre dein Lied gewesen“ vermittelt Ina Müller, was man aktiv älter werden nennen könnte. Mit 46 weiß sie, was sie will. Sie singt schwärmend
von den Jungs mit Mitte 20. Die, mit der weichen Haut, süß, nicht reich, aber schön anzuschauen, wenn sie Duschen gehen. „Die gehen duschen, obwohl
sie gar nicht müssten, nicht wie die älteren Männer…“ – während sie das sagt, stößt so manche Frau im Publikum ihren Mann mehr oder weniger fest in die
Seite. In „Podkarsten“ nimmt die Künstlerin mit gesellschaftskritischem Anstrich Facebook, youtube & Co. aufs Korn. Ihre plattdeutschen Songs sind nicht gänzlich
verständlich, aber auch die rocken dank hervorragender Musiker. Singen und sabbeln – was im Ina-Müller-Slang so viel wie plaudern heißt – darüber, was Sache ist. Liebe, Sex, und immer wieder Älterwerden.
Es ist zum Brüllen komisch, dass sie sich von einem Kollegen ungalant auf den Flügeln schieben lässt. Wenn es nicht ums Älterwerden geht, dann gern um Mann-Frau Klischees.
Zunächst schlägt sie sich auf die Seite der Frauen: „Wir sabbeln zu viel? Frauen müssen immer alles wiederholen, weil Männer nicht richtig zuhören.“ Andererseits macht sie sich mit den Männern
gemein. Sie singt, dass sie nervös wird, wenn sie von einer weiblichen Pilotin von A nach B geflogen werden soll, gibt unumwunden zu: „Gleichberechtigung – schön und gut. Aber doch nicht
jetzt und hier“. Es vergeht kaum Zeit, und sie teilt wieder gegen die Männer aus. Dabei ist sie zuweilen ganz schön derb, möglicherweise für manche Geschmäcker eine Spur zu schlüpfrig.
Aber so ist sie – nicht nur im Fernsehen. Die Musik-Kabarettistin versprüht Energie pur, und das Publikum nimmt sie auf. Als sie mit ihren Sängerinnen „Oh Happy Day“ und schließlich „Let
Me Entertain You“ anstimmt, bleibt niemand regungslos. Man singt, klatscht, tanzt. Im Hintergrund Video- und Bildeinspielungen – die Zuschauer scheinen sich ihr gern zu ergeben. Und bekommen
viel geboten: Die Zugabe gibt Frau Müller im weißen Bademantel, fegt durchs Publikum und bekommt nicht nur dafür stürmischen Applaus, dass sie doch noch aus eigener Kraft auf den Flügel hüpft.

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