Quappi everywhere

Das Museum der Bildenden Künste in Leipzig zeigt „Max Beckmann – Von Angesicht zu Angesicht“

„Jeder Mensch“, so sagte einst Max Beckmann, „ist mir täglich immer wieder ein Ereignis, als wenn er eben vom Orion heruntergefallen wäre.“ Wer so etwas spricht, den müssen die Menschen faszinieren. Beckmann, 1884 in Leipzig geboren, 1950 in New York gestorben, war ein Künstler, der Menschen genau studierte. Er fing ihre Ausstrahlung ein und malte sie. Ihre Banalität und ihren Tiefgang, ihre Genügsamkeit und ihr Heldentum, ihre Makel und Anmut. Da ist es nur folgerichtig, dass das Museum der Bildenden Künste in Leipzig die Porträtkunst des Menschenmalers der Moderne in den Mittelpunkt rückt. Dazu wurden 58 Gemälde und 160 vorbereitende Skizzen aus aller Welt zusammengetragen, die ein Who is Who aus Beckmanns Leben zeigen. ‚Seinen Beziehungskosmos dominieren die erste Ehefrau, Minna Beckmann-Tube, und die zweite, die 20 Jahre jüngere Mathilde von Kaulbach. Unter Mathildes Spitznamen Quappi verewigte Beckmann sie auf zahlreichen Bildern und Skizzen, weswegen sie nun zu den am häufigsten gemalten Frauen in der Kunstgeschichte zählt. Mit kokettem Blick auf „Porträt von Quappi auf Pink und Violett“, unnahbar auf „Quappi in Blau“ oder lasziv rauchend („Quappi in a pink sweater“). Und auch überall dort, wo sie nicht offensichtlich zu sehen ist, ist doch etwas von ihr zu erahnen: Sie inspirierte Beckmann wohl so sehr, dass auch viele andere Frauenporträts ihre Gesichtszüge tragen.

Beim Gang durch die Ausstellung begegnet man Freunden, Galeristen, Familienmitgliedern. Ein großer Teil des Katalogs zur Schau widmet sich darum auch den dargestellten Figuren. Geht der Besucher mit dem Verzeichnis durch die Räume, so kann er die Biografien der historischen Vorbilder studieren; sich der Frage hingeben, was der Maler mit seinem Porträt über die Person und seiner Beziehung zu ihr ausdrücken wollte. Oder er kann es lassen und stattdessen in den Bildern die stetige Weiterarbeit und Verfeinerung des Menschenbildes suchen und sehen. Verfeinerung heißt bei und für Beckmann aber nicht zwangsläufig: Deutlicher machen, eher: weiterentwickeln, andere, teils rätselhafte Bildausschnitte wählen.

Ein sich anbietendes Beispiel: „Familienbild“ aus dem Jahr 1920. Modisch gestreifte Hose, hervorstechend gelbe Schuhe, auf dem Kopf – oh lala welch Stilbruch – eine Schlafmütze, so liegt Beckmann selbst quer im Bild. Am Fußende meint man seine Mutter zu erkennen, neben ihr zwei ältere Damen, wovon die eine ins Leere blickt. Unbeachtet, ein Kind, das unter dem Tisch sitzt. Vielleicht Peter, Beckmanns Sohn aus der geschiedenen Ehe. Das Bild wird dominiert von einer jungen Frau in Spitzenunterrock und Korsett. Sie, in Rückenansicht, könnte Quappi sein. Ein Bildausschnitt, eine Perspektive, die kippt. Nichts scheint zu passen, die Gestalten sind nicht im Lot, im Gegenteil, voller Symbolik von Liebe, Begehren, Ablehnung.

Beckmanns Porträts ermutigen zum interpretatorischen Spiel. Die Veränderung seiner Lebensumstände glaubt man im Pinselduktus sehen zu können. Nachdem die Nazis seine Kunst als ‚entartet‘ brandmarken, verließ er Deutschland gen niederländisches und später amerikanisches Exil. Malt sich Beckmann in seinen frühen Selbstbildern als lebensfroher Dandy mit arroganten Zügen, sind die späten Werke von einer melancholischen Grundstimmung umhüllt. Insbesondere seine Kaltnadelradierungen zeigen einen schmallippigen, harten, augenberingten Mann. Einer, der sich festhalten will oder muss – und dies mit einer Zigarette in der Hand auf fast jedem Bild macht.

Natürlich, eine beeindruckende Zusammenstellung; die zuweilen erschlägt, bei der sich das Gefühl der Redundanz auftut. Aber das könnte auch am Beckmann-Jahr liegen. Denn neben Leipzig wird auch in Basel und Frankfurt der eigenbrötlerische Expressionist gezeigt.