Bye bye Bulli-Traum?!

„Der Bulli war unsere rollende Wohnung“, sagt Karsten Schulz. Vor acht Jahren kauften er und seine Frau Carolin den VW-Bus. Baujahr 1989, taubenblau und 700 Euro teuer. Damals führten sie eine Fernbeziehung zwischen Berlin und Hildesheim und wollten ihre gemeinsame Zeit nicht in engen WG-Zimmern verbringen. Unabhängig sein, einfach los fahren, bleiben, wo es gefällt. „Meinetwegen hätte es irgendein leerer Kastenwagen sein können, für Carolin kam nur der Bulli von VW infrage“, erinnert sich Karsten Schulz. Wie so viele Besitzer der Kultgefährte gestalteten auch sie ihres um. Nach und nach bauten sie Klappbett, Bank, Tisch, ein winziges Waschbecken und Schränke in den Innenraum. Nun ist der Bus ausgestattet wie ein Wohnmobil, jedenfalls von innen. Ab März allerdings können Karsten und Carolin Schulz ihren Bus nicht mehr so nutzen wie vorher. Dann wird auch in Leipzig die Umweltzone eingeführt. Einen Großteil des Stadtgebiets, rund 60 Prozent, dürfen dann nur noch Fahrzeuge befahren, die bestimmte Abgasstandards einhalten und mit einer grünen Plakette gekennzeichnet sind. Enten, Trabis und ältere VW-Busse bekommen nicht so leicht eine entsprechende Plakette. Ohne den Aufkleber müssen die Fahrer außerhalb der Umweltzone parken, das Auto umrüsten oder sich um eine Ausnahmeregelung bemühen. Mit der Einführung der Umweltzone reagiert die Stadt auf die hohe Feinstaubbelastung in Leipzig: In der Vergangenheit sind laut Ordnungsamt an weit mehr als den zulässigen 35 Tagen pro Jahr die Feinstaubgrenzwerte überschritten worden. Für Städte wie Leipzig, mit besonders schmutziger Luft, schreibt die EU-Kommission die Umweltzonen vor. Die EU-Kommission will so die Menschen vor Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Krankheiten bedingt durch Luftschadstoffe schützen.

Nicht zum ersten Mal ist Karsten Schulz in einer solchen Situation. Bis Ende 2009 wohnte der 36-jährige in Berlin, ein Jahr zuvor wurde sie dort eingeführt. Eine grüne Plakette hat er für seinen Bus nicht erhalten, denn alte Autos ohne Katalysator oder Feinstaubfilter stoßen zu viele Schadstoffe aus. Schulz parkte seinen Bulli immer am S-Bahn-Ring, der die Umweltzone eingrenzt. An den Bahnstationen standen zahlreiche Fahrzeuge ohne Plakette. „Ich bin meist mit einem Kurzstrecken-Ticket zu meinem Auto gefahren“, erinnert sich Schulz. Manchmal ist er illegal in die Stadt reingefahren: „Ich habe Blut und Wasser geschwitzt, wenn die Polizei an der Ampel neben mir stand“. Doch er hatte immer Glück. Denn bei einer Kontrolle drohen dem ein 40-Euro-Bußgeld und ein Eintrag ins Verkehrszentralregister, der ohne grünen Aufkleber unterwegs ist.

Um die Zahl von Umweltzonensündern gering zu halten, hat das Leipziger Ordnungsamt eine spezielle Arbeitsgruppe eingerichtet. Sie bietet Informationen und Hilfe rund um die Themen Sonderregelungen und Nachrüstung an. Der Beratungsbedarf ist groß. Seit Beginn des Jahres gab es rund 2000 elektronische und telefonische Anfragen, etwa 1000 Beratungsgespräche wurden durchgeführt. Etwa 19.000 in Leipzig zugelassene Fahrzeuge erfüllen die Abgasnormen nicht, sodass ihnen eine grüne Plakette verwehrt bleibt. Wie viele Menschen dann nicht mehr fahren dürfen, vermag Helmut Loris, Leiter des Ordnungsamtes, nicht zu sagen: „Für uns ist überhaupt nicht einschätzbar, wie viele Pendler zudem aus dem Umfeld betroffen sind“.

Ein neuer Motor, ein neues Getriebe plus Filter und den Umbau würden Karsten Schulz insgesamt rund 4000 Euro kosten. Für den Sozialarbeiter zu teuer, ein anderes Auto kaufen will er aber nicht. „Wir hängen an unserem Bus“. Nun denkt er über ein Hochdach nach. Denn mit einer Stehhöhe von 170 Zentimeter würde der Bus eine Wohnmobilzulassung bekommen und für 60 Euro im Jahr könnte Schulz unbehelligt durch Leipzig kurven. Ein solcher Hochdach-Aufbau und die Ausnahmegebühr kosten ihn ein paar hundert Euro – ob die Dachumrüstung zu einer grünen Plakette führt, ist allerdings nicht gewiss. „Das Ordnungsamt hat recht detaillierte Bedingungen“, erklärt Schulz. Ihn ärgert, dass die Stadt eine »Quasi-Maut« verhänge. Er sei kein Vielfahrer, nutze vor allem den öffentlichen Personennahverkehr und das Fahrrad. Den Bus braucht das Paar, um an den Wochenenden ins Leipziger Umland zu fahren oder für größere Reisen. „Wenn der Bus kilometerweit von unserer Wohnung in Reudnitz entfernt steht, wie sollen wir ihn mit Gepäck und Reiseproviant beladen?“, fragt sich der 36-jährige. Falls er keine Sonderregelung bekommt, würde er zur Not einen Stellplatz außerhalb der Umweltzone anmieten und in Kauf nehmen, illegal in die Stadt zu fahren.

Die Kultautos gehören meistens Leuten, die Wert auf Freiheit und Unabhängigkeit legen. Die Modelle stehen für eine alternativ angehauchte Lebenseinstellung, mit einem VW-Bus kann man beinahe überall hinfahren, darin kochen schlafen und sich dem Nomaden-Dasein hingeben. Auch Karsten Schulz fallen sofort Anekdoten ein, die wohl nur Bulli-Fahrer erleben können. Eine skurrile Erfahrung trug sich bei einer Italien-Reise zu. Etwas abenteuerlich und über abgelegene Feldwege sind er und seine Frau an einen einsamen Stellplatz in der Toskana gelangt. Unweit einer verfallenen Kapelle auf einem Hügel, weit entfernt von anderen Menschen verbrachten sie die Nacht. Am Morgen wurden sie von zwei Geländewagen geweckt, die mit Anhängern voller Jagdhunde auf den Berg fuhren. „Wir waren umgeben von Jägern und Hunden, und die haben um uns herum ihre Treibjagd begonnen“, schmunzelt Karsten Schulz. Erstaunt schauten sie aus den Autofenstern heraus, auch die Jäger wirkten verdutzt.  „Um uns herum piffte und paffte es, Schüsse waren zu hören, aber wir haben erst mal in aller Ruhe Brötchen aufgebacken und gefrühstückt“, sagt er mit stoischer Ruhe. Solche Erlebnisse sind es, die Bulli-Fahrer begeistern. Ebenso das Gefühl, dass der Urlaub mit dem Einsteigen ins Auto beginnt, wollen die beiden nicht missen. „Beim Reisen mit dem Bus muss man nicht zum Flughafen fahren, dort warten, zum Hotel gebracht werden – du steigst ein und es geht sofort los“, schwärmt Schulz.

Den 20 Jahre alten Bulli fahren hin oder her, Karsten Schulz sieht sich als umweltfreundlich gesinnter Mensch. Die Umweltzone kann in seinen Augen schon allein deshalb nicht viel bringen, weil Feinstaub nicht nur aus Auspuffrohren kommt: „Auch der Reifenabrieb erzeugt Feinstaub. Da macht es die Luft nicht besser, wenn die Leute von der Politik dazu gebracht werden neue Autos zu kaufen“. Er erachtet es als sinnvoller, das Autofahren im Allgemein zu reduzieren und den öffentlichen Personennahverkehr günstiger zu machen. Doch das ist in Leipzig Zukunftsmusik, derweil geht Schulz auf die Suche nach einem Hochdach.

[siehe auch: Kreuzer, Das Leipzig Magazin, Ausgabe März 2011]

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