Mach’s gut, iPhone – war anstrengend mit dir!

Sie hat es getan, bereut es nicht – und vermutlich kann es (noch) kaum jemand nachvollziehen: Eine gute Freundin hat ihr iPhone abgeschafft. Jenes Telefon, das für die meisten Besitzer mehr ist als ein Kommunikationsgerät; jenes Telefon das zum Selbstverständnis der Digital Natives gehört wie das Poloshirt zu den Poppern in den 80er Jahren.
Das iPhone ist das Smartphone schlechthin – beim Verkaufsstart des iPhone4 bildeten sich bereits Stunden vor Ladenöffnung vor dem Telekom-Shop 4010 in Berlin Käuferschlangen. Warum entledigt sich – angesichts dieser großen Beliebtheit – eine 25-Jährige freiwillig diesem Objekt der Begierde? Warum will sie das kleine Gerät, das Fenster und Fernbedienung fürs Leben zugleich sein kann nicht mehr haben? Der eine Teil ihrer Antwort ist fast schon erschreckend banal – 40 Euro im Monat für mobiles Internet und Emails von unterwegs waren ihr zu teuer. Zweiter Grund, warum sie jetzt ein betont unauffälliges Slider-Handy mit sich führt: „Ich war es leid, immer und immer per Email erreichbar zu sein“. Diesen Aspekt finde ich schon deutlich spannender, vielleicht gerade zu symptomatisch für das, was meines Erachtens noch einigen Smartphone-Nutzern bevorstehen dürfte: Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Kommunikationsverhalten.

Wer ein Smartphone hat, der kann nicht nur ins Internet, der muss beinahe. Viele Chefs erwarten von ihren Mitarbeitern, dass sie zügig, um nicht zu sagen: extrem zeitnah, auf ihre Emails reagieren. Bei einem Brief gibt es den kommunikativen Phasenverzug; die Post braucht ein, zwei Tage, der Empfänger braucht ein bisschen, um was zu tun. Beim Emailverkehr hingegen fallen Reflexionszeiten schnell mal hinten üben, kann doch der Empfänger den Text theoretisch unverzüglich lesen, bearbeiten…

Ich möchte überhaupt nicht das Hohe Lied des Kulturpessimismus anstimmen – und für einfache Fragen wie „Kaffee um 15 Uhr?“ via Facebook-Nachricht brauche ich auch keine 48 Stunden Überlegungszeitraum. Sind die Themen aber komplexer, wäre es meines Erachtens schon wichtig, eine angemessene Bearbeitungszeit zu gewähren.

Das Schlüsselwort, oder wie Georg Franck bereits 1998 schrieb, die neue Währung ist die Aufmerksamkeit. Architekturprofessor Franck zufolge muss der Mensch durch die wachsende Informationsflut, die sich seinem Wahrnehmungsapparat aufdrängt, lernen, die dadurch entstehende Knappheit dieser Währung zu erkennen und mit der Aufmerksamkeit hauszuhalten. Die totale Vernetzung erfordert schnelle Reaktion und ist wohl auch unerlässlich in einer immer mehr auf Flexibilität ausgerichteten Welt – aber ich denke es ist wichtig, sich Gedanken über die Balance zu machen. Die Balance zwischen dem technischen Kann und persönlichem Wille. Nur wenn sich Phasen der Vernetzung und des Informationsinputs sich mit Phasen der Verarbeitung und des kreativen Outputs abwechseln, kann Kommunikation gelingen. Kommunikation braucht Qualität, und Qualität braucht Zeit. Wer sich verständigen will und verstanden werden will, muss erst mal Überlegen dürfen – tatsächlich und konzentriert auf eine Sache.

Demnächst feiert meine iPhone-lose Freundin Geburtstag – ich werde ihr eine Karte schicken, postalisch.

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