Ton ab! Kamera läuft! …und CUT – als Komparsin beim Tatort-Dreh

Die Flughafenpersonal-Uniform sitzt  nicht gut. Die Weste ist zu weit am Bauch, die Bundfaltenhose zu kurz, immerhin: der Krawattenknoten sitzt ganz gut. Aber was ist auch schon perfekt, an diesem kalten Novembertag – der so früh begann, dass noch nicht einmal von Morgengrauen die Rede sein kann?

In einem abgelegenen Bereich des Flughafens Halle-Leipzig hocken etwa vierzig Menschen auf Bierzelt-Garnituren, nippen an Kaffeebechern. Die wacheren unteren ihnen blättern in der BILD. Einige Meter entfernt sind vier Frauen und ich in einer improvisierten Umkleide. Milchglaswände umgeben uns, das Licht fällt fahl gelb auf den grauen Teppichboden. Wir alle sind Komparsen, gebucht für den Leipziger Tatort mit dem Arbeitstitel „Nasse Sachen“.

Die Menschen an den Bierzelttischen werden als Reisende mit schwerem Gepäck durchs Bild laufen. Wir, die sich umziehen, werden Flugpersonal, Kellnerinnen oder Polizisten. Wobei letztere wahrlich nicht zu beneiden ist – schmerzen ihre Schultern doch bald von der Last der Lederjacke…

Als es draußen langsam hell wird, holt die Regiepraktikantin meinen „Kollegen“ und mich ans Set. Unsere Aufgabe: Eilig gehen, Richtung Flughafenschalter, am Café vorbei, in dem eine Schauspielerin (Claudia Michelsen) sitzt. Klingt machbar, läuft auch ganz gut. Dass die Szene – Michelsen im Café, ihr wird ein Cappuccino serviert – gefühlte zwanzig Mal wiederholt wird, liegt schon mal nicht an uns. Ist ja durchaus beruhigend, bei meiner Premiere als Komparsin. Die anderen Einstellungen – wie die am Check-In-Schalter waren da schon routinierter… (wie gesagt: Komparsen, eventuell im Hintergrund sichtbar… 🙂 hardly worth mentioning)

Die Stunden vergehen, sitzend, wartend auf den Bänken mit den anderen Komparsen. In meiner Klamotte ist über-den-Flughafen-Laufen eine Sache für sich. Sprechen einen doch ständig Reisende an und fragen nach Toiletten, den Weg zu den Gates oder nach einem Café. Die echten Mitarbeiter des Flughafens grüßen ein Quantum freundlicher als sonst, schließlich gehöre ich ja mit meiner dunkelblauen Dress, der rot-blauen Krawatte und dem Ausweis am Lanyard (wie sagen die Schweizer? Bändel 🙂 ) zum Club…

Jutta, Journalistik-Studentin und demnächst als äußerst wandlungsfähige (Haare auf, Haare zu, mit und ohne Brille…) Reisende in der ARD zu sehen, und ich sind eine der wenigen Neulinge. Die meisten Komparsen sind alte Hasen, registriert bei mehreren Agenturen. Die Stewardess war schon bei der Soko Leipzig zu sehen – ihr deutlicher dialektaler Einschlag verwehrte ihr allerdings eine Sprechrolle. Den Streifenpolizisten meine ich in mehreren Krimis gesehen zu haben.
Soziologisch gesprochen sind wir Komparsen eine äußerst heterogene Gruppe. Da gibt es den 20-Jährigen, der gerade sein Psychologie-Studium abgebrochen hat und „rumjobbt“, das Rentner-Ehepaar, das genügend Zeit hat, um bei Filmen mitzumachen und den Barkeeper, der sich eine Musical-Eintrittskarten mit Komparsenauftritten finanziert.

Dass dieses Mal zwei Journalistik-Studentinnen dabei waren, ist einem Tatort-Fan und Kommilitonen geschuldet oder zu verdanken. Er war es, der die Anzeige am virtuellen schwarzen Brett las. Gesucht wurden vor allem südländische Erasmusstudenten und eine griechische, männliche Leiche um die vierzig. Obwohl dieses Profil auf keinen von uns so recht passen wollte, machten wir uns Anfang Oktober auf zum Casting, das in einer hübschen Gegend im Süden Gohlis (?) stattfand. Wie etwa vierzig andere (zum Teil deutlich südländisch wirkende) junge Leute ließen wir mehr oder weniger entspannt fotografieren („Schau mal so, als ob es dir Spaß machen würde…!“), machten uns Gedanken über Taille („Haben das Männer überhaupt?“) und die Hutgröße. Völlig unerwartet kam dann, Ende Oktober, die Buchungsanfrage. Ein bisschen gezögert habe ich schon, als ich erfuhr, dass man um 5.45 Uhr am Treffpunkt sein müsste, aber für den Tatort…

Von was der Krimi überhaupt handelt? Simone Thomalla und Martin Wuttke suchen als Ermittler einen Flüchtigen, der sich gen Karibik absetzen will. Direktflüge gibt es vom Flughafen Halle-Leipzig aus nicht. Die Reiseverbindung erklärte eine andere, ebenfalls blauuniformierte Schauspielschülerin.

Um was es in der Tatort-Folge genau geht, erfuhr ich auch auf Nachfrage nicht. Denn: „Du könntest ja eine Reporterin sein, die alles aufschreibt“, sagt die Kostümbildnerin. Aber nicht doch… 😉

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7 Gedanken zu „Ton ab! Kamera läuft! …und CUT – als Komparsin beim Tatort-Dreh

  1. Nicht schlecht, Frau Cor…! 🙂 Ich sehe da eine glorreiche Zukunft als Komparsin, vielleicht gar als Schauspielerin kommen! Wenns mit der Journalistik nüscht wird, wär das doch was, oder? Nur das frühe Aufstehen …

  2. Liebe Vera,
    vielen Dank für die schöne Beschreibung eines zähen, langen Drehtages. Ich werde einen Link darauf setzen.

    Falls sich jemand wundert, warum wir erst ausländisch aussehende Menschen suchen, dann aber kaum welche am Flughafen einsetzten: Die Komparsen waren alle doppelt, dreifach und öfter im Bild. Es sollte dann doch keine nennenswerten Wiedererkennungswerte geben.

    Zum Inhalt des Tatort: http://www.saxonia-media.de/index.php?id=2148&tx_asnews_pi1%5Bnews%5D=11197&cHash=fffb127f2b

    Beste Grüße

    Christian

  3. Aaaaaah liebe Frau Cor! Sie werden berühmt! Super Beitrag – ich habe aber einen Einwurf zu machen 😉
    Quantum steht für eine bestimmte Anzahl (also nicht für einen Wert, der irgendwie „ein bisschen mehr“ bedeutet) – es wird dank dem guten Herrn Bond aber mit „Quäntchen“ verwechselt.
    Liebste Grüße

  4. Liebste Vera,

    schöner Beitrag! Spiegelt unser Tatort-Abenteuer sehr gut wider! Ich hoffe wir werden noch einmal gebucht und freue mich schon aufs Tatort:) Viele Grüße!

    Jutta

  5. Hallo Vera !

    Welcome to the „Club“ !
    Auch ich war einer der Komparsen beim Tatort – Dreh im Flughafen Leipzig – Halle. Ursprünglich sollte ich einen Resisenden darstellen, der auf den Flieger wartet. Darauf habe ich mich mental vorbereitet. Allerdings kam alles anders, als ich erwartet hatte.
    Nach einer schlaflosen Nacht und anschließender chaotischer Fahrt nach Leipzig fand ich mich plötzlich in der Uniform eines der Steifenpolizisten wieder.
    Ich kann deine Erfahrungen mit den echten Reisenden nur bestätigen, da auch ich den Leuten oft verklickern musste, dass ich trotz der Uniform kein Beamter bin.
    Es war ein herrlicher Tag.
    Ich hoffe, wir sehen uns beim nächsten Dreh !

  6. Hallo an Alle, die dort waren 😉
    Die Frage des Tages war: Wie heißt der Schauspieler? Hab´s jetzt raus: Günther Junghans.
    VG Kerstin

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