Sucht nach Sicherheit

Bevor ich mein Zimmer in der Warschauer Wohngemeinschaft betrete, muss ich einige Hürden passieren – die erste ist die Haustür des zehngeschossigen Hauses. Schlüssel oder PIN, das ist die sicherheitstechnische Gretchenfrage. Könner und Kenner tippen fix die Nummer der Wohnung (1003) ein, dann ‚Schlüsselsymbol‘ und unverzüglich -bloß nicht zu lang warten!- den vierstelligen Sicherheitscode. Alles richtig gemacht? Gut, eine polnische Frauenstimme sagt einen Satz, den ich selbstverständlich nicht verstehe, unter anderem könnte so etwas wie „proszę“, also bitte,  gesagt werden, sicher bin ich nicht. Also, gegen die Tür stemmen, Haus betreten, mit einem der Lifte in den neunten Stock fahren.

Hier weiß man, wie die Spreu vom Weizen getrennt wird – jawohl. Die Kanaille wohnt im langen Gang, der beidseitig von acht braunen Gefängnistüren anmutenden Eingängen verschönert wird. Unsere Wohnung, bevölkert von den beiden legendären Beatas, beide Buchhalterinnen 😉  und Patryk, dem Soziologen, der mir das Zimmer untervermietet, liegt hinter einem matschbraunen Tor.

Gelben Schlüssel zücken, bis vor die Wohnungstür rücken… alles einfach, allenfalls ein wenig sonderlich bis jetzt? Jetzt wird es abgefahren, voilà, die Wohnungstür.

Hier im Bild: Links die Türaußenseite, die rechte Bildhälfte zeigt sie von innen. Drei, ja richtig gezählt, drei Schlösser hat diese Tür. Besonders knifflig: Das obere Schloss wird nach links abgeschlossen, „Nur einmal zu drehen!“, warnte die eine Beata direkt bei meiner Ankunft. Das Schloss verkeilt sich und die Wohnung lässt sich von innen nicht mehr verlassen. Mantramäßig sagte ich mir die ersten Tage …oben nur einmal zusperren… die beiden anderen Schlösser sind da unspektakulär, zwei Mal zu drehen, fertig. Alles save.

Und, mal mitgezählt? Ich muss vier oder fünf Schlüssel benutzen, bis ich in der Wohnung bin! Eines passiert den Polen sicher nie: walic proto z mostu – mit der Tür ins Haus fallen… 😉

Ja ja, mag sich der ein oder andere denken, warum wohnt sie auch in so einem Upper East Side like Loft … Nichts da! Das ist eine mittelmäßige Wohnung, in einem durchschnittlichen polnischen Wohnhaus. Die Vermieter kujonieren ihre Mieter nicht mal – die Warschauer Bevölkerung ist schlicht geprägt von einem großen Sicherheitsbedürfnis.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs stieg die Kriminalitätsrate in Warschau, so bildeten sich immer mehr gated communities, geschlossene Wohnanlagen mit Sicherheitseinrichtungen – Alarmanalgen, Mauern, Zäune, Videoüberwachung, privates Sicherheitspersonal – alles, um sich von der übrigen Gesellschaft zu separieren. Warschau gilt als die Stadt mit den meisten dieser abgeschirmten Wohngebieten, die heftigste Ausprägung ist Marina Mokotow. Diese Wohnanlage ist von einem zwei Meter hohen Zaun umgeben, hier gibt es sogar eigene Geschäfte – quasi eine Stadt in der Stadt.

Motive für die Abgrenzung? Die Kriminalitätsrate ist jedenfalls zu vernachlässigen – in Warschau gibt es nicht mehr Verbrechen, als in anderen europäischen Metropolen… Als Alternative zur geschlossenen Wohnanlage bleibt eigentlich nur der Plattenbau – alt, wenig komfortabel, wenig ansehnlich. In den gated communities schottet man sich nicht nur nach außen ab, auch nach in den Häusern herrscht Anonymität – jeder macht sein eigenes Ding, hinter schweren Türen. Ein bisschen wie Knast – selbst gewählt.

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2 Gedanken zu „Sucht nach Sicherheit

  1. Vera, liebe vera, das ist wie ein Einladung zum Gegenbesuch nach Deutschland :-)) Dort werde ich mir dann genauestens die Wohnsituation anschauen…
    Du hast recht mit deiner Beobachtung, die Menschen separieren sich in Warschau besonders. Schade so knuepft man keine neuen Kontakte!!

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