VHS – Ruf und erlebte Realität

Volkshochschule – wie das schon klingt. Das lässt Assoziationen wach werden… Ältere Männer mit Vokuhila-Haarschnitt (Frühgeborene mögen es googlen), überdimensionierten Brillen inklusive beige-gelb getönter Gläser, Tweed-Sakko mit Ellenbogenaufnähern sitzen in der Ödnis eines schlechtgefegten, mit zu grellen, flackernden Neonröhren beleuchteten Klassenzimmers. Mit gespitzten Ohren und Bleistiften hängen sie an den Lippen der Dozentin. Sie ist 22 1/2 Stunden vom Tag Hausfrau – die aschfarbenen Haare lieblos zum Zopf gebunden, die Klamotten haben ihre beste Zeit seit knapp 30 Jahren hinter sich, doch ein Farbtupfer muss sein – die Lippen sind knallrot gerändert. Das Unterrichtstempo schleppend.

Vielleicht war das mal so, vielleicht ist das in machen Städten heute noch so. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich das Image der Volkshochschule längst von altbacken-unflexibel zu freundlich-funktional gewandelt hat. Nur anscheinend nicht in den Köpfen einiger meiner Mitmenschen – für euch dieses Posting 🙂

Der ein oder andere weiß, dass ich die letzten Tage einen Spanisch-Intensivkurs gemacht habe. Vier Tage hintereinander, von 18.30 – pünktlich – bis 21.30 Uhr. Zum einen habe ich viel mehr von der Sprache gelernt, als ich mir vorgestellt habe (ich kann nach Handynummern fragen – aber nicht nur ;). Zum anderen bin ich nachhaltig beeindruckt von der Zusammensetzung der Gruppe. Höchst heterogen, aber grund-sympathisch.

Wir waren am ersten Abend 15, ab dem zweiten Abend zehn. Den Schwund führte man auf das hohe Tempo zurück: Unverzüglich lernten wir die Zahlen von 0 – 100 und das Konjungieren unregelmäßiger Verben – oder beugen, wie der freundliche Herr neben mir zu sagen pflegte ;)… Der Antrieb, mit dem Spanisch lernen zu beginnen, war schon recht unterschiedlich.

Sicherlich klassisch: das Ehepaar; er, der sich mit der Sprache abmühte, aber bemüht war, jede deutsche grammatische Eigenart im Internet nachzuschauen und am nächsten Abend darüber zu referieren („ist viel ein Adjektiv?“). Sie mit der feuerotgefärbten Mähne und dem Totenkopf auf der Innenseite des Handgelenks, der die ein oder andere Regung ihres Mannes – nein, Freundes – klassische Patchwork-Konstallation mit vier gemeinsamen Kindern – etwas peinlich war. Warum der Versuch des Spracherwerbs? Für die Südamerika-Reise im Sommer.

Essenzieller schien mir das Beherrschen der Sprache für den Tauchlehrer, Mitte 50. Gerade fährt er Taxi in Alsdorf und um Umgebung, bis vor kurzem war er auf den Malediven tätig. „Ein Job, den du nicht für immer machen kannst“, eröffnete er mir. Ließen wir so stehen, mussten ja weiter Lückentexte mit den passenden Verbformen befüllen. Jedenfalls will er nun nach Spanien ziehen, um dort zu leben, kann aber die Sprache -noch- nicht.

Immer für einen Zwischenruf oder lautes Mitsprechen gut war die 78-Jährige, an deren Seite ich jeden Abend Platz nahm. Herzlich, schokobraunes Haar und interessiert an ihrer Umgebung („schöne Brille“, „tolle Uhr“) machte sie keinen Hehl aus ihrer Motivation: „Ich liebe Kreuzfahrten, und da ist es nicht verkehrt Spanisch zu können“. Zweifelsohne.

Etwas von den Eltern oktroyiert wirkte die Anwesenheit zweier 13-Jähriger. Sie schrieben eifrig mit, brachen sich beim Sprechen meistens einen ab (nicht, dass es mir anders ging 😉 und haben im Sommer die Aufgabe, die Eltern durch den Spanischurlaub zu dolmetschen. ¡Pásalo bien!

Am ’nötigsten‘ oder sinnvollsten wahrscheinlich der Kursbesuch für eine 22-Jährige Abiturientin. Marokkanische Wurzeln – woher auch die mir gleiche Affinität resultierte, Wörter auf Französisch auszusprechen 🙂 – ihr Berufswunsch: Spanischlehrerin.

Und meine Motivation? Lediglich aus ganzheitlichem Interesse – am Menschen und der Sprache.

Wie sieht’s bei euch aus? Habt ihr schon mal einen VHS-Kurs gemacht? Euer Eindruck?