„Online-Chefredakteure werden an Bedeutung gewinnen“

Stephan Weichert, Jahrgang 1973, ist Professor für Journalistik an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation in Hamburg. Sein Forschungsinteresse gilt unter anderem der Zukunft der Zeitung und des Qualitätsjournalismus. Während einer Zigarettenpause beim Mainzer Medien Disput führten wir dieses Interview.

Vera Cornette (V.C.): Beim Klicken durch Online-Angebote von Regional-Zeitungen fällt mir immer wieder auf, dass Artikel zu lesen sind, die am nächsten Tag in gedruckter Form erscheinen. Die Redaktionen scheinen mit dem Medium Internet noch nicht viel anfangen zu können, oder wie erklären Sie sich den Verzicht auf sämtliche crossmediale Anwendungen?

Weichert: Was ich aus den internen Redaktionsmeetings mitbekommen habe, bei denen ich zu Gast war, so kann ich schon sagen, dass einiges passiert. In den Redaktionen ist viel im Gange, Ideen werden diskutiert. Aber es gibt eine Barriere in den Köpfen und eine Angst davor, sich auf Innovationen einzulassen. Viele Redaktionen stehen auch dem Einbeziehen der User skeptisch gegenüber.

V.C.: Viele mir bekannte Redaktionen haben ein Großraumbüro für die Print- und eines für die Online-Redaktion. Ist das noch zeitgemäß und oder gar zukunftsfähig?

Weichert: Ich denke, es ist zwingend, dass die Redaktionen zusammengeführt werden und zusammenarbeiten. Getrennte Print- und Online-Redaktionen, wie große Qualitätsblätter das derzeit praktizieren, halte ich für überholt. Auch die Unterscheidung zwischen Print und Online wird uns nicht weiterbringen. In Zukunft geht es um die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Journalismus – den gibt es sowohl im Internet, als auch in der Zeitung.

V.C.: Das klingt, als würde Online nicht mehr nur „nebenbei mitgemacht werden“, sondern ihrer Meinung nach wichtiger werden.

Weichert: Die Verleger und Zeitungsmacher geben ihre eigene Verzichtbarkeit natürlich nicht gerne zu, aber insgeheim gewinnen die Online-Chefredakteure an Bedeutung. Wir erleben derzeit eine Transformation, das wird deutlich an Leuten wie Stefan Niggemeier, der als Ex-Zeitungsredakteur mit seinem Bildblog großen Erfolg hat. Auch das Netz bringt Stars heraus.

V.C.: Das heißt Zeitungen sind obsolet und sie stimmen Jeff Jarvis zu, der auf den Münchner Medientagen kundgetan hat, dass Print seiner Meinung nach der Vergangenheit angehört?

Weichert: Ich würde es nicht so drastisch formulieren. Sicherlich wird es Zeitungen immer geben, aber sie werden sich zu einem Statussymbol für eine kleine Info-Elite entwickeln.

V.C.: Zeitungen für das Bildungsbürgertum, die schnöde Masse informiert sich im Netz. Sehen sie das als Problem – gerade mit Blick auf die demokratische Funktion, die die Presse einnimmt respektive einnehmen soll?

Weichert: Nein, denn guter Journalismus und das Wahrnehmen der Kontrollfunktion ist nicht an Zeitungen gebunden. Früher hat man nach Informationen gesucht, heute erreichen sie einen über Links und social media. Auch daran wird die Transformation des Mediensystems deutlich.

V.C.: Abschließend würde ich gerne wissen, ob sie Zeitungsleser bleiben und was ihnen die Zeitung gibt?

Weichert: Ja, denn ich verbinde mit Zeitunglesen ein anderes Lebensgefühl als mit Online-Portalen. Für Zeitungen nehme ich mir mehr Zeit und ich schätze das Überraschungsmoment, wenn ich Sachen lese, die ich gar nicht gesucht oder von denen ich nicht gewusst habe. Das machen für mich Zeitungen aus.

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2 Gedanken zu „„Online-Chefredakteure werden an Bedeutung gewinnen“

  1. Sehr schön – nur wenn der ‚Experte‘ zu viel labert, einfach auf eine andere Ebene heben! Viel Erfolg weiterhin! Viele Grüße I. Gritschneder

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