Wie Wählen vergessen werden kann

wahlzettel

Ja ja, ich bekenne mich schuldig. In allen Punkten der Anklage. Ich habe meine demokratische, ja meine moralische Pflicht nicht erfüllt. Und würde ich im Kanton Schaffhausen wohnen, so wäre nun eine Geldbuße von drei Franken fällig. Um was es überhaupt geht? Ich weilte am 30. August in Barcelona – soweit so gut. Nur: An diesem Sonntag wurde in meiner Heimatstadt gewählt.

Was meinen Reisebegleiter wenig schockierte („Ich gehe immer in die Kabine, und rufe ‚Sag mal jemand STOP‘, dort mache ich dann mein Kreuzchen“), löste bei mir Entsetzen aus. Scheiße, Briefwahl vergessen…

Dass ich das Wählen vergessen habe, brachte mich auf eine Idee, die – wie ich fand – es zu verfolgen lohnte. Was ist mit den Menschen, die das Wählen vergessen, weil sie dement sind? Jene, die keine autonomen Entscheidungen mehr treffen können? Die auf Pfleger, Ärzte und Angehörige angewiesen sind? Kurzum: Die Menschen, deren Leben auf Dependenz beruht?

Jeder 60. der gut 60 Millionen Wahlberechtigten leidet an einer Demenzerkrankung – Tendenz steigend. Schätzungen gehen sogar davon aus, dass 2050 die Zahl der Erkrankten auf vier Millionen steigt. Ihr Anteil läge bei 5 Prozent – theoretisch genug Stimmen für eine Fraktion im Parlament. Aber die Politiker ignorieren das Thema ‚Wahlfähigkeit‘ geflissentlich. Das Procedere zu entscheiden ob jemand wahlfähig ist oder nicht, ist zweifelsohne ein heikles Thema. Reicht es, wenn der Betroffene seinen Namen schreiben kann? Doch wie verhalten, wenn – wie in Ostdeutschland wohl häufig – Sätze fallen mit Inhalten wie „Ich wähle die SED“?

In Deutschland gibt es keine Stellvertreterwahl, man darf bei der Stimmabgabe nur helfen, indem man den Wahlzettel vorliest. Doch in wie vielen Fällen werden Briefwahlunterlagen angefordert, die vom Familienmitglied oder Krankenpfleger ausgefüllt werden? Aus purem Verdacht, weil der Opa ja schon immer ein Brauner äh  Schwarzer war. Nur: Was wenn die Tante sich auf ihre alten Tage zur Grünen-Sympathisantin mausert und der Neffe – Freund vom Spitzenkandidat – das Kreuz bei den Gelben macht?

Es gibt keine klare Definition für Wahlfähigkeit, aber ich denke, es wäre an der Zeit, dass sich die Politiker damit auseinandersetzen.

Ich meine ja nur, falls noch jemand ein Thema für den Wahlkampf sucht… 😉

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2 Gedanken zu „Wie Wählen vergessen werden kann

  1. Ernstes Thema! Lohnt sich damit mal auseinanderzusetzen denke ich. Über das Wahlalter bei Jugendlichen wird auch immer wieder diskutiert und argumentiert, sie seien mit 14 nicht wahlfähig. über die Wahltauglichkeit eines 80jährigen redet die Gesellschaft allerdings nicht…

  2. Guter Punkt! Oft wird das tatsächlich missbraucht. Vor allem in Altenheimen soll das ja schon öfter vorgekommen sein… Die Frage ist wie man da ansetzen kann?!?

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