Tadel 2.0

„Cool und witzig“, „sexy“ oder auch „fachlich kompetent“, es wird wohl kaum jemand etwas dagegen haben, in diese Kategorien eingeordnet zu werden. Das müsste für jeden ertragbar sein, erst recht für einen Lehrer, der ja selbst auch kategorisiert, indem er Noten gibt, oder?

Ich denke schon. Doch ist die Benotung eines Lehrers exklusiv – meist zwischen Lehrer und Schüler. Im Internetportal „Spickmich“ kann potentiell jeder die Bewertungen einsehen. Zwar anonym abgegeben, aber sichtbar für die gesamte Internetgemeinde.
Der Bundesgerichtshof entschied diese Woche, dass dies zulässig ist und begründete die Entscheidung mit einem tragendem Element jeder liberalen Demokratie: der freien Meinungsäußerung.

Und wirklich Diffamierendes wurde über die klagende Lehrerin nicht offenbart: Schüler bewerteten ihre pädagogisch-fachlichen Leistungen mit einer 4,3 (so diplomatisch hätte / habe ich meine Meinung über meine Lehrer nicht ausgedrückt 🙂 ). Das fanden die Karlsruher Richter „weder schähend noch beleidigend“. Im Gegenteil: dass Schüler Lehrer bewerten können, ist ein Fortschritt, ein Schritt gen Feedback-Kultur, die man sonst an deutschen Schulen vermisst. Im Regelfall verläuft das Feedback wie eine Einbahnstraße: vom Lehrer zum Schüler, via Noten und Kommentaren.
Es kann nur wünschenswert sein, würden die Lehrer merken, dass sie Schülern die Chance zum Feedback einräumen müssten. Wünschenswert, passierte das im Unterricht. Doch anscheinend hat sich auch zwei Jahre nachdem ich mein Abi gemacht habe wenig geändert: Noch immer sind die Lehrer fokussiert darauf „ihr Ding“ durchzuziehen und lassen ihren Schülern nicht den Raum, ihre Kritik am Unterrichtsstil zu geben. Jetzt stellen sie die Lehrer eben für alle Welt sichtbar an den Pranger.
Ob sich da nicht so mancher Lehrer wünscht, er hätte mit sich reden lassen?

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Diese Rechnung scheint aufzugehen

Die Ausweitung der Kurzarbeit und statistische Mogeleien drücken die Arbeitslosenquote um 0,4 Prozent. Damit waren im Mai knapp 3,5 Millionen Menschen arbeitslos. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, spricht von einem verspäteten Frühjahrsaufschwung. Und macht gute Miene zur tiefen Krise. Ist ja gar nicht so schlimm, wird einem suggeriert. Dabei werden geflissentlich zwei andere Zahlen ignoriert. Denn ein Grund für die so genannte Frühjahrsbelebung sind die Kurzarbeiter. 1,1 Millionen Menschen arbeiten derzeit kurz. Sie verzichten auf einen Teil ihres Lohns, um nicht arbeitslos zu werden. Das gefällt nicht nur Arbeitsagentur-Chef Weise, sondern auch dem Arbeitsminister. Olaf Scholz sagte: „Wir haben rechtzeitig und in ausreichender Intensität das richtige getan.“ Und meint damit die äußerst großzügige Verlängerung und Subvention der Kurzarbeit. Doch hat der Rettungsanker in stürmischen Zeiten, das wichtigste Arbeitsmarkt-Instrument in der Wirtschaftskrise auch Schattenseiten. Die jedoch weder Weise noch Scholz zur Kenntnis nehmen. Fast jedes Unternehmen kann in der Krise Kurzarbeit beantragen, egal wie schlecht es ihm geht. Die Regelungen sind breit, und zwar viel zu breit gefasst. Mitnahmeeffekte sind die Folge. So wird das Kurzarbeitergeld zu einer willkommenen Finanzhilfe auch für florierende Firmen.

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In Krisenzeiten und mit Blick auf die horrende Staatsverschuldung sind verschwendete Gelder für den Steuerzahler nicht nachvollziehbar. Das Instrument Kurzarbeit bedarf einer kritischen Prüfung. Die kosmetischen Eingriffe in die Arbeitslosenstatistik bedürfen ebenfalls eines genauen Hinsehens. Seit Anfang Mai werden Menschen, die mithilfe privater Jobvermittler oder Bildungseinrichtungen Arbeit suchen, nicht mehr von der Arbeitslosenstatistik erfasst. Auf einen Schlag sind rund zwanzig Tausend Menschen nicht mehr arbeitslos. Doch auch statistische Mogeleien können nicht über das hinwegtäuschen, was uns noch bevorsteht. Einen ersten bitteren Vorgeschmack liefert der Maschinenbau. Die beschäftigungswichtige Branche meldet einen Auftragssturz um 58 Prozent. Ein Beispiel für das, was dem deutschen Arbeitsmarkt bevorsteht. Das wird Auswirkungen auf große Teile der Stammbelegschaft haben. Kurzarbeit und statistische Schönfärberei hin oder her.

Dieser Kommentar entstand im Rahmen eines WDR5-Seminars. Bericht und weitere Infos auf wdr5.de