Ich kommuniziere, also bin ich!

merkel_handy

Nicht mal Angela Merkel hält es lange ohne ihr Handy aus: Wer sie in einer Bundestagsdebatte beobachtet, wird bemerken, dass ihr Blick immer wieder gen Mobiltelefon wandert. Manchmal legt sie es in ihre Schublade, um der Nachrichtenflut zu entkommen – ihr Lagezentrum schickt ihr alle 3 bis 5 Minuten eine Mitteilung… vielleicht möchte sie sich auf das Wesentliche konzentrieren: die aktuelle Debatte.

Kurznachrichten entkommen, indem das Handy abgeschaltet wird, Emails entfliehen, indem man das Emailprogramm schließt, dem Telefonterror Einhalt gebieten, indem der Stecker gezogen wird – macht das noch (oder schon wieder) jemand?

Sein heißt Wahrgenommen werden

Wahrscheinlich nicht, gilt doch Bischof Berkeleys 250 Jahre alt Maxime »Esse est percipi « heute mehr denn je. Was die menschliche Wahrnehmung nicht erfasst, besteht auch nicht. Der Berkeleysche Lehrsatz mag ein wichtiger Grundgedanke für die Erkenntnisphilosophie (gewesen) sein, aber auch gegenwärtig erscheint er aus kommunikationssoziologischer Perspektive von Aktualität: Wahrnehmen können wir längst nicht mehr nur über Augen, Ohren, Tast-, Geruchs- oder Geschmackssinn. Jede SMS, jedes Telefonat, jede Email ist ein Reiz und in gewisser Weise ein Wahrnehmen. Wird dem Empfänger doch signalisiert, dass es jemanden gibt, der sich mir mitteilen möchte, an mich denkt oder schlicht meine Aufmerksamkeit will.

Mythos Multitasking

Aufmerksamkeit sei die Währung unserer Zeit meint Miriam Meckel, Professorin für Kommunikationsmanagement. Wer wahrgenommen wird, Aufmerksamkeit erhält, muss wichtig sein und hat Einfluss, das ist die kognitive Schleife, die wir dazu winden.

Soweit, so menschlich und verständlich. Das Problem stellt sich, sobald man alles gleichzeitig will: kommunikative Vernetzung und nebenbei Arbeiten, ein Gespräch mit einem Gegenüber führen oder eine andere, etwas komplexere Handlung (als die Schuhe binden) vollziehen. Dann hört man oft das lapidare Credo: „Ich bin multitaskingfähig“. Aber sorry Ladies, auch wir sind das nicht 🙂

Vom „Mythos Multitasking“ brachte mich bereits erwähnte Frau Meckel in einem Interview zu ihrem Buch „Das Glück der Unerreichbarkeit“ ab: „Wir können das gar nicht, sondern wechseln in einer rasanten Geschwindigkeit zwischen den einzelnen Aufgaben, die wir bearbeiten, hin und her…“

Klar, logisch – Ist kein großer Erkenntnisgewinn? Eigentlich weiß jeder, dass man nicht mehrere Sachen (gut) gleichzeitig machen kann? Mal schauen, wie lange das trotzdem noch (fast) alle versuchen…

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3 Gedanken zu „Ich kommuniziere, also bin ich!

  1. Interessante Gedanken auf den Punkt gebracht, liebe Vera. Ich bin ohnehin der Meinung, dass mediale Entschleunigung in Zukunft ein den Diskurs nicht unerheblich bestimmendes Thema sein wird. Greifen Phänomene wie Downshifting längst um sich. Vielleicht sollten wir genau das einmal als Seminarvorschlag thematisieren. Im erkenntnistheoretischen Sinne von Weniger ist mehr, wenn das Wenige nicht nichts ist… 😉

  2. Das würd mich auch sehr interessieren, Johannes! Alles weitere können wir nach dem Beck-Ypsilanti-.Interview nächste Woche beim MainzerMediendisput klären 😉

  3. ich freu mich schon auf den MMD und das Interview mit unseren „Lieblingsgenossen“ 😉
    Komme direkt aus der Hauptstadt. Treffe Montag abend noch Thomas bei ner FES-Veranstaltung zum Thema: »Washington – Berlin – Moskau: Herausforderungen für die transatlantischen Partner und Russland«…

    Achja noch ein Lektüretipp eines halbwegsdruckfrischen Artikels unseres Trierer Haussoziologen Michael Jäckel zum Thema:
    „Mehr Dinge zur gleichen Zeit“. Eine empirische Analyse von medialen Haupt- und Nebenaktivitäten am Beispiel des Fernsehens. In: Zeitschrift für Medienpsychologie 19, Heft 1, S. 23-33.
    Sehr empfehlenswert! 🙂

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