Invasion des Ungewöhnlichen

Das Wort ungewöhnlich beschreibt diesen US-Wahlkampf für meine Begriffe ganz treffend. Mit ungewöhnlichen Kandidaten sind die Demokraten in den Wahlkampf gestartet: Hillary Clinton wäre die erste Frau im Weißen Haus, Barack Obama der erste Schwarze. Auch die Republikaner tragen zum Ungewohnten bei: im Falle eines Wahlsieges wäre John McCain der älteste Präsident, der je eine erste Amtszeit antritt. Und Sarah Palin erscheint mir ohnehin als Inkarnation des Ungewöhnlichen.

Damit noch nicht Veränderung genug: Wurde der Bürger früher mit Nachrichten, Berichten und Kommentaren von Rundfunk und Presse versorgt, betreibt heute ein junges Medium das Agenda-Setting. Die sogenannten citizen journalists schreiben in Blogs und Onlineportalen über das aktuelle politische Geschehen, diskutieren und decken auf. Barack Obama oder seine medienaffinen Berater haben von Beginn an das Internet als Wahlkampfstrategie genutzt und junge Wähler angesprochen. Nebenbei wurde Obama mit mehr als 339 Mio. US$ zum König des Grassroots-Fundraising.

Die Vorteile des Web 2.0, also des Internet, in dem User sich nicht mit dem Betrachten von Webseiten allein zufrieden geben, liegen auf der Hand: Jeder kann mitmachen, den Debatten und der Meinungsvielfalt sind kein Ende gesetzt. Keine Information geht verloren, keine Aussage bleibt unveröffentlicht, denn Blogger sind überall – beim Parteitag der Demokraten waren rund 400 vertreten, bei den Republikanern 200. Ständig sind McCain und Obama im Visier der publizierenden Augen- und Ohrenzeugen . Abfällige Äußerungen in vermeintlich vertrauter Runde können da schnell zum Verhängnis werden. So geschehen, als die Bloggerin Arianna Huffington in einem anscheinend unbeobachteten Moment Obamas Bemerkungen über die „Frustrationen der weißen, von Arbeitslosigkeit bedrohten amerikanischen Kleinstädter, die sich einfach besser fühlten, wenn sie sich an Waffen klammerten (…)“ mit einem Aufnahmegerät mitschnitt. Innerhalb kürzester Zeit veröffentlichte die einflussreichste politische Bloggerin in den USA den Mitschnitt in ihrem Blog ‚The Huffington Post’. Fernsehsendungen und Zeitungen griffen den Fehltritt des „kleinstädterfeindlichen“ Obama umgehend auf – ein leuchtendes Beispiel dafür, wie die massenmedial erzeugte Themensetzung von einem Blog ausgeht. Die Macht der Bloggerin erkannte auch das ’Time’-Magazin und wählte Huffington zu den 100 politisch einflussreichsten Menschen in den USA.

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