Redaktionen – die recherchefreien Zonen?

„Ach die Politiker, die lügen ja eh“, meint nicht nur das gemeine Volk am Stammtisch. Auch die Vertreter der schreibenden und sendenden Zunft sagen das zuweilen gerne über Politiker. Zum Teil sicherlich zu recht, doch werden die Medien ihrem (selbst)oktroyierten Anspruch als vierte Gewalt im Staat häufig aus rein handwerklichen Gründen nicht gerecht. Wer kontrollieren will, sollte selbst möglichst wenig Fehler machen oder anders gesagt: wer Sachverhalte nicht kritisch hinterfragt, nimmt’s selbst wohl ebenfalls nicht so genau mit der Wahrheit.

Dass die Bildzeitung zu den Medien gehört, die die Welt gerne mit einer grünen Brille (hoffen wir, dass es bei THC-Lollies bleibt) betrachtet, ist hinlänglich bekannt. Als ein Junge in einer sächsischen Kleinstadt ums Leben kam, schrieb „Bild“: „Neonazis ertränken Kind“. Das hatte ‚Bild‘ von der verzweifelten, aufgelösten Mutter erfahren. Es scheint, als würden andere Zeitungen gerne von ‚Bild‘ abschreiben. Wozu da recherchieren? Zu dumm, was sich nach polizeilichen Ermittlungen herausstellt: Der Nazimord war ein Badeunfall.

Egal ob Hitlertagebücher im Stern, oder der Bericht über einen angeblichen Speed-Konsumenten (zugespielt von der Hedonistischen Internationale) bei Polylux, keiner scheint vor Sendungsbewusstsein und Sensationslust auf der einen, und schlampiger Recherche auf der anderen Seite gefeit. Ungesundes Halbwissen, statt fundierter Recherche scheint viel zu oft die Prämisse der Medienmacher zu sein.

Die Entzauberung des WDR

Selbst im Kleinen, im Lokalen wird immer wieder auf die genaue Vorbereitung auf Termine verzichtet. Journalisten fungieren als eierlegende Wollmilchsäue, die filmen, fragen und ganze Beiträge im Alleingang produzieren. Das kann man gut oder schlecht finden – ich bin einverstanden, so lange verlässliche Informationen das Publikum erreichen.

Kürzlich übergab der Deutsche Fußballbund ein Minispielfeld an einen Sportverein; ich besuchte die Veranstaltung nicht um ihrer selbst Willen, sondern im Rahmen eines Radiopraktikums. Vor Ort traf ich die öffentlich-rechtlichen ‚Kollegen‘. Wobei in aller Bescheidenheit sagen darf, dass ich dem WDR-Reporter eher kollegial zu Seit stand. Aber zurück zur Fußballfeldübergabe: Armin Laschet, Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen war zugegen, um ein paar Worte an die Kinder zu richten. Klar, dass ich einen O-Ton von ihm haben wollte. Auch …, ‚fester Freier‘ beim WDR, wollte. Wusste aber leider nicht wer Laschet a) denn so ganz genau ist und b) wie er denn aussieht. Ob ich Herrn Laschet vor die Kamera holen könne. Ich dachte, S. wollte mich testen und zog los. DFB-Urgestein Egidius Braun war ebenfalls vor Ort und von Interesse für den WDR-Journalisten. An der Gästetafel sah sich der ‚Kollege‘ längere Zeit suchend um, dabei war selbst für mich als Fußball-Laie im Vorfeld klar, wer dieser Braun ist und wie er ausschaut.

Stirnrunzelnd ging ich neben … nach dem Termin zum Parkplatz, während er vom ‚Halbwissen‘ eines Journalisten schwadronierte.

Postskriptum: Mir ist nicht daran gelegen, den ganzen Stand über einen Kamm zu scheren, aber in meinen Augen ist es ein Unding, unvorbereitet und komplett unwissend zu einem Termin zu gehen bzw. Geschichten und (Agentur)Meldungen nicht zu hinterfragen. Schnelligkeit ist eine Fähigkeit zum Flöhe fangen – für guten Journalismus braucht’s meist mehr.

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3 Gedanken zu „Redaktionen – die recherchefreien Zonen?

  1. Glänzender Artikel, liebe Vera. Du appellierst an das Verantwortungsbewußtsein eines kritischen Journalisten. Wenn ich eines bisher gelernt habe, dann DIE 3 journalistischen Tugenden: zuhören, nachfragen und kritisch bleiben. Das setzt voraus, dass ich offene Fragen stelle und ein gesundes Interesse am Thema mitbringe. Den gesunden Menschenverstand sollte ich dabei auch nicht zu Hause gelassen haben. Schließlich habe ich als Journalist eine doppelte Verantwortung. Was Deiner berechtigten Kritik entgegensteht, sind die beschleunigten Abläufe in den Redaktionen. Eine sorgfältig recherchierte Geschichte benötigt eben ihre Zeit.
    Brillanter Artikel, chapeau! 🙂

  2. Irgendwann werden Sie soviel Berufserfahrung haben, dass Sie rückblickend auf diese Geschichte sich schämen werden. Da bin ich mir sicher. Denn irgendwann werden Sie selbst Fehler gemacht haben. Und irgendwann werden Sie ein Gefühl dafür entwickeln, das man Menschen nicht wegen solcher Lappalien öffentlich zur Schau stellt – vor allem nicht, um sich selbst zu erhöhen.

    Dass der Medien-Student Johannes Pütz Ihnen zu dieser Geschichte gratuliert, zeigt mir allenfalls, dass er die Seminare über Ethik und über Relevanz entweder noch nicht besucht oder noch nicht verstanden hat.

    1. Dies ist wahrlich keine Geschichte, die man als grundlegend zum Verständnis journalistischer Tugenden erzählen müßte.

    2. Sollte man doch die Notwendigkeit dazu verspüren, sollte man mindestens den Menschen anonymisieren, um den es geht. Es dürfte dem WDR als dessen Arbeitgeber nicht schwer fallen, ihn zu erkennen.

    3. Wichtig ist es nicht, aller Welt erklären zu müssen, wie guter Journalismus auszusehen hat. Wichtiger ist es, selbst danach zu handeln. Und außerdem hat es noch nie gut getan, wenn man/frau den Beruf noch nicht mal angefangen hat und schon meint, die Weisheit mit großen Löffeln gefressen zu haben.

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