Das Ende der Kernkraft ermöglicht die Renaissance der sächsischen Braunkohle – dabei reißen alte Gräben wieder auf.
Es geht um viel Kohle. Frank-Udo Lohmann, Pfarrer von Pödelwitz, steht in seinem Dorf und sagt: »Die Verunsicherung ist groß.« Pödelwitz ist ein Kleinod südlich von Leipzig: schmale Straßen, weiß getünchte Fachwerkhäuser. Alle zwei Stunden hält der Bus. Auf einem Hügel steht Lohmanns sandgelbes Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert. Die Frage ist, wie lange noch? Denn nur drei Kilometer von Pödelwitz entfernt, weiter im Süden, liegt der Ort Heuersdorf wie ein mahnendes Beispiel. Oder besser: lag. Heuersdorf musste dem Braunkohletagebau weichen. Es ist die Siedlung, deren Kirche vor vier Jahren auf einen Schwerlasttransporter verladen wurde, im Ganzen. Die Kirche steht heute etwa sieben Kilometer weiter in Borna.
Selten hatte die Mibrag so gute Argumente für die Akzeptanz der Kohle und den Rückbau eines Dorfes. Denn Deutschland wird in absehbarer Zeit aus der Atomkraft aussteigen. Noch gelten erneuerbare Ressourcen dabei nur begrenzt als Alternative: Denn sie liefern nicht konstant die notwendige Menge Strom. Es kann passieren, dass der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Kohle aber brennt immer.
Die Sicht vieler Menschen auf die Kohle hat sich deshalb, zwei Monate nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, grundlegend verändert. Die Furcht vor der Kernkraft, sie ist derzeit größer als die Sorge um kleine Dörfer. Und sogar größer als die Angst vor der Erderwärmung. Kohle fördern und verbrennen, dadurch Strom erzeugen. Löcher in Landschaften reißen, Orte abtragen für die Energieversorgung der Menschen: Das klingt nach Ideen von vorgestern. Doch sind nun die Menschen wieder bereit, auf fossile Energieträger zu setzen.
Sachsens CDU verkauft den Atomausstieg als regionalen Vorteil
Die Zahl der Befürworter des Kohleabbaus, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Leipziger Instituts für Marktforschung, hat sich in Ostdeutschland seit dem Unglück von Fukushima verdreifacht, ihr Anteil liegt nun bei 30 Prozent; Tendenz: steigend. Schon wittert Sachsens Staatsregierung, seit jeher eher braunkohlefreundlich, ihre Chance: Braunkohle, teilte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) unlängst mit, sei nun eine wichtige Überbrückungstechnologie. »Die genehmigten Tagebaue«, sagte er, »bilden das Rückgrat der deutschen Energieversorgung.«
Weiterlesen / zum ganzen Artikel: ZEIT ONLINE / ZEIT Nr 19 vom 5. Mai 2011
Mai 13, 2011 um 9:18 am |
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Anne