Tadel 2.0

Juni 27, 2009

“Cool und witzig”, “sexy” oder auch “fachlich kompetent”, es wird wohl kaum jemand etwas dagegen haben, in diese Kategorien eingeordnet zu werden. Das müsste für jeden ertragbar sein, erst recht für einen Lehrer, der ja selbst auch kategorisiert, indem er Noten gibt, oder?

Ich denke schon. Doch ist die Benotung eines Lehrers exklusiv – meist zwischen Lehrer und Schüler. Im Internetportal “Spickmich” kann potentiell jeder die Bewertungen einsehen. Zwar anonym abgegeben, aber sichtbar für die gesamte Internetgemeinde.
Der Bundesgerichtshof entschied diese Woche, dass dies zulässig ist und begründete die Entscheidung mit einem tragendem Element jeder liberalen Demokratie: der freien Meinungsäußerung.

Und wirklich Diffamierendes wurde über die klagende Lehrerin nicht offenbart: Schüler bewerteten ihre pädagogisch-fachlichen Leistungen mit einer 4,3 (so diplomatisch hätte / habe ich meine Meinung über meine Lehrer nicht ausgedrückt :) ). Das fanden die Karlsruher Richter “weder schähend noch beleidigend”. Im Gegenteil: dass Schüler Lehrer bewerten können, ist ein Fortschritt, ein Schritt gen Feedback-Kultur, die man sonst an deutschen Schulen vermisst. Im Regelfall verläuft das Feedback wie eine Einbahnstraße: vom Lehrer zum Schüler, via Noten und Kommentaren.
Es kann nur wünschenswert sein, würden die Lehrer merken, dass sie Schülern die Chance zum Feedback einräumen müssten. Wünschenswert, passierte das im Unterricht. Doch anscheinend hat sich auch zwei Jahre nachdem ich mein Abi gemacht habe wenig geändert: Noch immer sind die Lehrer fokussiert darauf “ihr Ding” durchzuziehen und lassen ihren Schülern nicht den Raum, ihre Kritik am Unterrichtsstil zu geben. Jetzt stellen sie die Lehrer eben für alle Welt sichtbar an den Pranger.
Ob sich da nicht so mancher Lehrer wünscht, er hätte mit sich reden lassen?

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Diese Rechnung scheint aufzugehen

Juni 6, 2009

Die Ausweitung der Kurzarbeit und statistische Mogeleien drücken die Arbeitslosenquote um 0,4 Prozent. Damit waren im Mai knapp 3,5 Millionen Menschen arbeitslos. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, spricht von einem verspäteten Frühjahrsaufschwung. Und macht gute Miene zur tiefen Krise. Ist ja gar nicht so schlimm, wird einem suggeriert. Dabei werden geflissentlich zwei andere Zahlen ignoriert. Denn ein Grund für die so genannte Frühjahrsbelebung sind die Kurzarbeiter. 1,1 Millionen Menschen arbeiten derzeit kurz. Sie verzichten auf einen Teil ihres Lohns, um nicht arbeitslos zu werden. Das gefällt nicht nur Arbeitsagentur-Chef Weise, sondern auch dem Arbeitsminister. Olaf Scholz sagte: „Wir haben rechtzeitig und in ausreichender Intensität das richtige getan.“ Und meint damit die äußerst großzügige Verlängerung und Subvention der Kurzarbeit. Doch hat der Rettungsanker in stürmischen Zeiten, das wichtigste Arbeitsmarkt-Instrument in der Wirtschaftskrise auch Schattenseiten. Die jedoch weder Weise noch Scholz zur Kenntnis nehmen. Fast jedes Unternehmen kann in der Krise Kurzarbeit beantragen, egal wie schlecht es ihm geht. Die Regelungen sind breit, und zwar viel zu breit gefasst. Mitnahmeeffekte sind die Folge. So wird das Kurzarbeitergeld zu einer willkommenen Finanzhilfe auch für florierende Firmen.

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In Krisenzeiten und mit Blick auf die horrende Staatsverschuldung sind verschwendete Gelder für den Steuerzahler nicht nachvollziehbar. Das Instrument Kurzarbeit bedarf einer kritischen Prüfung. Die kosmetischen Eingriffe in die Arbeitslosenstatistik bedürfen ebenfalls eines genauen Hinsehens. Seit Anfang Mai werden Menschen, die mithilfe privater Jobvermittler oder Bildungseinrichtungen Arbeit suchen, nicht mehr von der Arbeitslosenstatistik erfasst. Auf einen Schlag sind rund zwanzig Tausend Menschen nicht mehr arbeitslos. Doch auch statistische Mogeleien können nicht über das hinwegtäuschen, was uns noch bevorsteht. Einen ersten bitteren Vorgeschmack liefert der Maschinenbau. Die beschäftigungswichtige Branche meldet einen Auftragssturz um 58 Prozent. Ein Beispiel für das, was dem deutschen Arbeitsmarkt bevorsteht. Das wird Auswirkungen auf große Teile der Stammbelegschaft haben. Kurzarbeit und statistische Schönfärberei hin oder her.

Dieser Kommentar entstand im Rahmen eines WDR5-Seminars. Bericht und weitere Infos auf wdr5.de



Wir machen’s uns im Internet…

Mai 18, 2009

Widget, Usability, Mashup – wer bei diesen Begriffen ein wenig verwirrt dreinschaut, dem geht es ähnlich wie mir und den meisten der 20 Teilnehmer eines Crossmedia-Trainings. Vor wenigen Wochen haben wir uns in Hamburg getroffen. Nach vier Tagen des intensiven Ausprobierens getreu der heuristischen ‘Trial and Error’-Methode hatten wir eine Vorstellung davon, was sich hinter den Bezeichnungen Widget & Co verbirgt – und wohin der Weg zukünftiger Journalisten gehen kann (oder wird; je nach Perspektive :) ).

Nach Überlegungen zur ‘perfekten Webseite’ sowie Einführungen in Technik und Texten fürs Web legten wir die Themen für die Webmagazine, die wir in den nächsten Tagen erstellen wollten, fest. “Alsterfrühling” und “Moin sagt man im Hamburg” wurden die Oberthemen, in kleineren Gruppen arbeiteten wir an unseren Projekten – vom Eistest-Video, zur Audioslideshow bis zum animierten Alsterspaziergang.

In unseren Köpfen nistete sich schnell das Bild des “ungeduldigen Users” ein – gemeint ist ein Wesen, das kurze Sätze, ungewöhnliche Bilder… mag. Deshalb wollten wir besondere Webmagazine schaffen. Attraktiv gestaltet, prägnante Teaser, die zum Weiterlesen animieren. Und für die besten Bilder und den lieben User geht man dann auch schon mal um 6 Uhr früh zur Alster oder begibt sich zur Kneipentour ins Schanzenviertel (was eine besondere Strafe war, ne Jungs?;)…

Und was sind jetzt Widgets, Mashups, was versteht man unter Usability? Letzeres meint Benutzerfreundlichkeit, Widgets sind Anwendungen, die in eine Website eingebunden werden können und Mashups meint die Erstellung neuer Inhalte durch die Kombination bereits bestehender.

Viel zu theoretisch? Find ich auch! Deshalb empfehle ich einen Besuch auf

· www.moinhamburg.wordpress.com

· www.alsterfruehling.wordpress.com

und wer sich direkt den Hamburger Eiszeit-Eistest anschauen mag, klickt hier.

Hamburg März April 09 003

Zu Rercherchezwecken im Schanzenviertel… ;)

Was haltet ihr vom Journalismus im Web? Neumodischer Kram oder Zukunft der Journaille? Kennt ihr die Hamburger Eiszeitfilialen? Schon mal Priapismus gehabt und an der Heidi geschleckt?


Bye bye Berlin!

April 11, 2009

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“The place to be” ist Berlin offiziell seit Anfang März. Damals startete der party-affine Regierende Bürgermeister den zweiten Teil der be.berlin-Kampagne. Um “weltweit einen langfristigen Imagegewinn” zu erzielen, wie es Wowereit beschrieb.

Passte ja perfekt: Von Ende Februar bis Ende März war die Hauptstadt auch mein place to be. Ein vierwöchiges Praktikum im Bundespresseamt beim stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steg und im Referat für Familie, Senioren, Frauen und Jugend war Grund meines Umzugs an die Spree. (Regierungs-) Pressekonferenzen, öffentliche Termine, militärische Ehren, (eigenständige) Erkundungstouren durchs Kanzleramt und interne Besprechungen bestimmten meine Agenda.

Wortklauberei

Mein inhaltlicher Schwerpunkt war – wen wird’s wundern – Frauen- und Gleichstellungspolitik. Für die Homepage der Bundesregierung und diverse Publikationen recherchierte und schrieb ich Artikel. Währenddessen lernte ich zum Beispiel, dass zwei Prozentpunkte Zuwachs innerhalb von 10 Jahren euphorisch verkauft werden wollen (es geht um eine Statistik zu modernen Männern) und das Erfinden neuer Kategorien vieles in einem sonnigeren Licht scheinen lässt. Gab es vor 10 Jahren noch traditionelle Männer, heißen sie heute “teiltraditionell”. Den Unterschied haben weder meine Referatsleiterin oder ich erfasst, aber klingt ja schon viel fortschrittlicher, nicht wahr?

Gelbe Karte gesehen

Gelegentlich begleitete ich den stellvertretenden Regierungssprecher ins Kanzlereck. Bei Antipasti, Buletten und Espresso macchiato trifft sich dort ein illustrer Kreis von Journalisten, die dem “linken Spektrum” zu zurechnen sind, wie Gelbe-Karte-Sprecherin Tissy Bruns sagte. Rund eineinhalb Stunden redet Steg dort über alles, was er gerade berichtenswert findet – auch Angela Merkels Führungsstil ist ein beliebtes Gesprächsthema. Verlässt man nach dem obligatorischen Kaffee den Gesprächskreis, kann man sicher sein, nah an den meinungsmächtigen des Berliner Raumschiffs gewesen zu sein. Doch bleibt die Frage: Wer steuert wen?

Berlin ist bekanntlich mehr als Medien und Politik. Für mich ist’s Kiez und Kult, Wohnen in der sanierten Platte und Shopping im Designerlädchen um die Ecke. Umgeben sein von Leuten, die sich ein Tick cooler, hipper fühlen als anderswo, jeden Tag aufs Neue zum Staunen gebracht werden… Um es mit Jean Paul zu sagen: “Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt”.

Einige Anregungen für euren nächsten Berlin-Besuch:

  • Wohlriechende Kleinigkeiten gibt’s in diesem Laden in den Rosenhöfen
  • Ein wunderbares Kaffeehaus mit hausgemachten Spezialitäten
  • Tolles Café mit Kleinkunst im Wohnzimmerstil
  • Morgens Frühstück, Nachts Party – alles très chic im Dante
  • Club mit tollem Ausblick direkt am Alex
  • Wer länger dort bleiben will: Wohnen in ‘meinem Viertel’ (Mitte / Hakesche Höfe) kann ich nur empfehlen

. . .

Die Berliner Band Tele singt:

“Ich kann riesige Buchstaben auf dem Mond sehen. Da steht: Bye bye Berlin…”

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Und ich füg dem hinzu: Bis bald, Berlin!


Zwischen Laptop und Wickeltisch

März 18, 2009
Eine echte Power-Frau...

Eine echte Power-Frau...

Der Mann geht zur Arbeit, die Frau führt den Haushalt – so war das zumindest früher einmal. Geschlechterrollen sind in den letzten drei Jahrzehnten durcheinander geraten: Traditionelle Muster sind zwar auf dem Rückzug, aber moderne haben sich bisher nicht durchgesetzt.

Die Mehrheit der Männer scheint in ihrer neuen Rolle noch nicht angekommen zu sein. Zwar ist die Zustimmung zu Modellen, in denen Mann und Frau sich gemeinsam um Kinder und Haushalt kümmern, gestiegen. Während die Gruppe der “modernen” Männer kaum größer geworden ist, wuchs bei Männern mit traditionellen Wertvorstellungen die Akzeptanz anderer Modelle.

Zu diesem Ergebnis kommt die vom Bundesfamilienministerium geförderte Untersuchung “Männer in Bewegung – 10 Jahre Männerentwicklung in Deutschland”. Der Düsseldorfer Sozialwissenschaftler Rainer Volz und der Wiener Theologe Paul Zulehner haben die 400 Seiten starke Studie im Auftrag der Gemeinschaft der Katholischen Männer Deutschlands (GKMD) und der Männerarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) erstellt.

Vier Typen Männer

Vier Männertypen identifiziert die Studie: Da gibt es auf der einen Seite den teiltraditionellen Mann, der sich vornehmlich über den Beruf definiert, sich als Ernährer sieht, Kinder und Haushalt der Frau überlässt und der Ansicht ist, dass zu Beginn einer Partnerschaft der Mann den ersten Schritt tun sollte. Auf der anderen Seite gibt es den modernen Mann, der dafür ist, dass sich Mann und Frau in gleichem Maße um Haushalt und Kinder kümmern sollten und sich wünscht, dass beim Haushaltseinkommen beide Partner beteiligt sind.

Dazwischen sind – laut Studie – der „balancierende“ Mann und der „suchende“ Mann angesiedelt. Während der balancierende Mann meist aus traditionellen und modernen Positionen aussucht, was in sein persönliches Lebenskonzept passt, kann der suchende Mann mit beiden Rollen nicht viel anfangen. Er hat sein Leitbild noch nicht gefunden, ist oft aufgeschlossen gegenüber gleich berechtigten Partnerschaftmodellen, aber unsicher mit Blick auf seine eigene Position in Beruf und Familie.

Der „suchende Mann“ ist der laut Studie der am stärksten ausgeprägte Männertyp: Knapp ein Drittel der Befragten (30 Prozent) ließen sich ihm zuordnen. Ihm folgt der teiltraditionelle Typ mit 27 Prozent, dann der „balancierende Mann“ mit 24 Prozent. Die Gruppe der „modernen Männer“ stellt mit 19 Prozent nicht nur die kleinste Gruppe dar. Sie ist auch im vergangenen Jahrzehnt kaum gewachsen, nur um zwei Prozentpunkte.

Auffällig ist, dass sich das Männerbild und das Frauenbild in höchst unterschiedlichem Tempo modernisieren. So hat sich laut Studie die Zahl der Frauen, die ein traditionelles Lebensmodell bevorzugen, in den vergangenen elf Jahren halbiert, während sie bei den Männern im gleichen Zeitraum nur um drei Prozentpunkte gesunken ist. 32 Prozent „modernen“ Frauen stehen nur 19 Prozent „moderne Männer gegenüber. Bei den ganz Jungen beträgt das Verhältnis 41 Prozent zu 13 Prozent. Unter den unter 19-jährigen Männer ist die Gruppe der „Suchenden“ am stärksten ausgeprägt, bei den unter 19-jährigen Frauen ist es das balancierende Modell. „Der starke Überhang an modernen Frauen wird dazu führen, dass sich entweder der Druck auf die Männer erhöht oder die Entwicklung der Frauen sich verlangsamt“, so das Fazit der Studie.

(Der ganze Artikel und der Link zur Studie)

Synkopisch

März 11, 2009

Der Amoklauf in der schwäbischen Provinz heute Morgen bestürzte Bevölkerung und Bundesregierung gleichermaßen. Wie wahrscheinlich überall im Land verfolgten auch Regierungssprecher und Mitarbeiter des Presse- und Informationsamt die Entwicklungen in Winnenden.

Im Minutentakt trafen ab etwa 11 Uhr über den Nachrichtenticker die Meldungen von DPA, DDP, Reuters et al. ein. Zum Teil widersprüchlich, zum Teil übereinstimmend. Furchtbar war es mitzuverfolgen, wie die Opferzahlen anstiegen. Ein paar Tickermeldungen später waren es nicht mehr 9, sondern 11, dann 16 getötete Menschen. Der volle Umfang der grausamen Tat wurde erst nach und nach offensichtlich. Aber begreifbar wahrscheinlich nie.

Die – wie gewöhnlich – stattfindende Regierungspressekonferenz um 13.30 Uhr empfand ich fast schon enttäuschend. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm wusste auch nicht mehr als ich, und alle anderen Journalisten im Raum, die die Agenturmeldungen verfolgten.

Auch Twitter bot einen ‚Live-Ticker 2.0’: die großen Nachrichtenportale berichteten eifrig, Focus Online ließ beispielsweise einen Reporter seine Erlebnisse zum Tatort schildern: “Mehrere Einsatzwagen schießen an Focus-Online-Reportern vorbei. Amokläufer in Wendlingen getötet. Drehen ab nach Wendlingen!”

Bundesfamilienministerin von der Leyen äußerste sich zu dem Amoklauf bereits vor der Regierungspressekonferenz im Anschluss an ihre PK am späten Vormittag: “Das lässt einen sprachlos in dem Augenblick”. Niemand konnte etwas tun, man verfolgte nur – ein Schleier der Ohnmacht zog durchs Regierungsviertel.


Hallo Berlin, Hamburg, Bad Münstereifel…

März 1, 2009

...ein Laden für Felicitas

...ein Laden für Felicitas

heißt es bis Anfang April – so spannend und vielfältig wie die (beiden Groß-) Städte sind, werden hoffentlich auch die Einblicke während des Praktikums im Bundespresseamt, im Referat für Frauen, Familien & Co sowie an der Seite des stellvertretenden Regierungssprecher Thomas Steg.

Morgen früh geht’s los; seit gestern Abend bin ich in der Hauptstadt, habe schon ein wenig das Viertel, in dem sich meine Wohnung befindet, inspiziert. Ich habe einen guten Blick auf den Fernsehturm am Ahlex (für Westdeutsche) respektive Allex (für Ostdeutsche), vor dem Haus tun sich Kinderspielplatz und kahle Bäume auf, Bars, Cafés, kleine Clubs lassen auf ein vitales Nachtleben schließen (sicherlich demnächst mehr davon;),  First- & Second-Läden in einigen Häusern, der pittoreske Hackesche Markt liegt nur ein paar Minuten Fußweg entfernt…

In der so genannten Spandauer Vorstadt des Berliner Ortsteils Mitte fühle ich mich schon sehr wohl – gleich am ersten Abend habe ich ungefragt einen Restaurant-Tipp bekommen; vermutlich sah ich mit meinen zwei riesigen Koffern und der Umhängetasche ein wenig hilfsbedürftig aus – “Der Vietnamese an Ecke ist wirklich gut, auch nüch so teuer,  für die Studenten und so”, gab mir eine ältere Dame beim Überqueren der Straße mit auf den Weg.  Und weil ich mich heute Morgen zum Joggen an die Spree ohne Stadtplan in der Hand getraut habe, bin ich gleich von einer Gruppe ratloser Italienerinnen angesprochen worden – zum Weg zeigen.

Muss ja keiner wissen, dass ich einen kleinen Stadtplan für alle Fälle in der Tasche dabei habe ;)


Schafskälte & Narrenherz

Februar 22, 2009

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Bilder vom buten Treiben – Karneval in Würselen

«Wann kommt denn jetzt endlich der Zug?», möchte der siebenjährige Jens wissen und schaut seine Eltern fragend an. Es ist nur etwas über null Grad, Regen tropft beständig vom Himmel, und trotz des dicken Pelzes – Jens geht dieses Jahr als Bär zum Zugweg – friert er ein bisschen.

Die Morsbacher Straße füllt sich langsam mit Verkleideten, vom ausgefallenen Erdbeerkostüm bis zur klassischen Clowns-Maskerade ist alles dabei. Auch ein Hund wurde von seinen Besitzern verkleidet. Er soll nun unverkennbar eine Biene sein, läuft mit schwarz-gelben Umhang und einem Haarreif auf den Ohren herum.

Als die ersten Wagen zu sehen und die Karnevalsschlager zu hören sind, sagt Petra Dahmen zu ihren Töchtern Nina und Anna mit Blick auf den nassen Boden: «Ihr müsst das Süße auffangen. Wenn ihr auf der Straße sammelt, ist das schon aufgeweicht.» Diesen Rat versuchen sie zu beherzigen, während die als Hexe und Prinzessin verkleideten Mädels aus vollen Hälsen den Fußgruppen und Wagen «Alaaf» entgegen brüllen. Doch so viel wie die als Kaninchen verkleideten Züchter, die Matrosen vom Oppen-Haaler Jungenspiel, die Karnevalsgesellschaft «Au Ülle» und die vielen weiteren Zugteilnehmer an Gummibärchen, Bonbons und Schokolade werfen, können die beiden kaum fangen.

Insgesamt ziehen 52 Gruppen durch die von gut gelaunt feiernden Karnevalisten gesäumten Straßen. Neben den traditionellen Wagen von Prinzengarde, Burggrafen und Erstem Würselener Karnevalsverein gibt es auch einige besonders fantasievolle Beiträge. Wie der des Morsbacher Kindergartens, der als Schafherde vertreten war. Irgendwie passend, bei dieser Schafskälte.


Klar kann ich Kanzler!

Februar 16, 2009

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Ab heute beginnt die Bewerbungsphase für eine neue Casting-Show des Zweiten Deutschen Fernsehens. Gesucht werden weder Sänger, Tänzer oder Models, sondern – und das macht die Sache für mich interessant und beobachtenswert – Nachwuchspolitiker zwischen 18 und 35 Jahre. Die Bewerbung besteht aus drei Teilen: einem Fragebogen, einem Konzept mit einer „Idee für Deutschland“ und eine Art Lobhudelei auf den Bewerber, verfasst von einem Paten – der Bürgermeister, Lehrer, Professor … sein kann. Im Portefeuille dürfen sich des Weiteren Fotos und Videos befinden, die deutlich machen, warum gerade er oder sie „Kanzler kann“. Eine dreiköpfige Jury trifft dann eine Vorauswahl und die – nach welchen Kriterien auch immer – qualifiziertesten Bewerber treten im Finale, das der Sender im Sommer zeigt.

Dem Gewinner der Polit-Casting-Show winkt ein Kanzlermonatslohn (meine Recherche ohne Anspruch auf Genauigkeit ergab, dass es rund 18.000€ sein dürften) und ein Praktikum im „Zentrum der Macht“ (das gilt es noch zu spezifizieren, denn wenn das Zentrum der Macht beispielsweise das BPA ist, so berichte ich demnächst live dorther…).

Die Kanzler-Such-Sendung ist übrigens eine Adaption der kanadischen Sendung „The next great Prime-Minister“, die 2007 ausgestrahlt wurde. Im Original-Format erklärten die Kandidaten zunächst, was sie in ihrem Land verbessern möchten. Die Finalisten traten dann zu einer Live-Debatte gegeneinander an, in der sie – ähnlich wie in den TV-Duellen vor der Bundestagswahl oder in den USA bei Präsidentschaftswahlen – zu verschiedenen Themen Stellung nehmen mussten und dabei vom Publikum beurteilt wurden.

Wie genau das deutsche Konzept aussehen soll, ist bisher nicht bekannt, auch wer die Sendung moderieren darf, ist ungewiss: Vielleicht Markus Kavka?

Bei aller Euphorie sollte man nicht vergessen, dass die Sendung eine Talentsuche ist und kein Eingriff in den politischen Prozess geschieht – im besten Fall aber in den politischen Diskurs. Es kann also nicht darum gehen, einen neuen Obama zu kreieren, der dann ab nächsten Montag ins Kanzleramt zieht.

PS. Freunde, nein ich werde mich nicht bewerben (aber danke, für eure Zusprüche à la „Wir werden dich wählen“ et al. *grins*)


Leid & Freud

Januar 30, 2009

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Wiederholungszwang – mit diesem Begriff hat Sigmund Freud einst die erstaunliche Tatsache benannt, dass wir Menschen dazu neigen, uns immer wieder Situationen zu schaffen, die uns besonders vertraut sind. Wir machen das mit großem Fleiß – selbst dann, wenn diese Situation destruktiven Charakter haben. Das erklärt, warum beispielsweise das Kind alkoholabhänginger Eltern später gern mit einem Partner zusammen lebt, der ebenfalls säuft. Getragen von der stillen Hoffnung, die Geschichte möge dieses Mal einen guten Verlauf nehmen. Solche neurotischen Wiederholungszwänge lassen sich jedoch nicht nur gut in Beziehungen beobachten, sondern gegenwärtig republikweit: Nach dem die Menschen ausgiebig über die unverantwortlichen Zocker in Banken und Börsen geschimpft haben, zieht es sie wie die Lemminge in die Lottoannahmestellen – zum Zocken. Es locken rund 35 Millionen und die Hoffnung, dass die Geschichte dieses Mal gut ausgeht. Die Chancen allerdings stehen noch schlechter als in der Alkoholiker-Ehe. Die Wahrscheinlichkeit im Lotto nicht zu verlieren, sondern eben den ‘Pott’ zu knacken, liegen bei bescheidenen 40 Millionen. Das ist wohl das Geld sogar auf der Bank noch besser angelegt. Aber es wird ja ohnehin im Lotto das eigene Geld verzockt, meistens jedenfalls.

image2 Money won is twice as sweet as money earned!